Lorenz Böhler – Danke Herr „Knochen-Böhler“

Ich war in guter Gesellschaft im Unfallkrankenhaus Wien Lorenz Böhler: Josef Haslinger, Dirk Stermann, Gert Voss… Wenn schon ein Unfall, dann sich dort helfen lassen, wo auch diese verehrten Wiener bzw. Zugereisten geheilt wurden. Zudem in meinem Heimatbezirk Brigittenau. Also machte ich mich auf zu testen, was Lorenz Böhler (1885 -1973) den Wienern geschaffen hat – ein fortschrittliches Unfallkrankenhaus. Auch wenn den gleichen Gedanken an diesem Samstag im März 2010 jede Menge Wiener und Zugereiste gefasst hatten, mein Problem wurde erkannt und innerhalb sechs Wochen geheilt. Deshalb ist das letzte Porträt 2010 dem Wiener Pionier der Knochenbruchbehandlung gewidmet.

Am 16. Januar 1896 entdeckt der elfjährige Lorenz Böhler im „Interessanten Blatt“ ein Bild mit dem Dr. Röntgen die Knochen der Hand seiner Frau sichtbar machte. Diese Skeletthand ist ein Grund, dass Böhler Anfang des 20. Jahrhunderts Medizin in Wien studierte. (Wissenschaftskalender, 2010)

Nach dem Studium kommt er u.a. in den USA in Kontakt mit modernen Methoden der Knochenbruchbehandlung. Der 1. Weltkrieg bietet ihm danach mit der großen Zahl von Schußbrüchen die Chance zu medizinischen Pioniertaten. Böhler war damals Leiter eines Lazaretts für Leichtverwundete in Bozen. „Hier wollte er beweisen, dass auch schwerste Verletzungen mit geringen Folgeschäden geheilt werden konnten. Da man ihm dies untersagte – er durfte ja nur leicht Verwundete behandeln -, griff er zur Selbsthilfe. Er bastelte selbst Extensionsgeräte und verschiedene Apparate, die er zur Behandlung benötigte. Gelernt hatte er dies in der Tischlerwerkstätte seines Vaters und in der Schlosserei seines Onkels. Aus den am Bahnhof haltenden Sanitätszügen „entführte“ er, nach Bestechung des Sanitätspersonals, Verwundete mit Knochen- und Gelenksschussverletzungen.“ (Regal/Nanut, 2004). Dieser Weg war zäh, führt aber dank Böhlers Hartnäckigkeit und seiner systematisch innovativen Arbeit zum Ziel und rettete vielen Soldaten ihre Gliedmaßen vor der Amputation.

Da auch nach dem Krieg im zivilen Wiener Leben die Behandlungen von Brüchen stark verbesserungswürdig war, machte Böhler dem Vorgänger der heutigen Allgemeinen Unfallversicherungsgesellschaft Vorschläge zu einer spezialisierten Unfallbehandlung. Der errechnete wirtschaftliche Nutzen überzeugte die Verantwortlichen, allerdings kam der Idee erst mal die Inflation dazwischen. 1925 wurden dann die zwei oberen Etagen im Bürogebäude der Versicherungsanstalt als Unfallkrankenhaus eröffnet.

Für seine Schüler dokumentierte Lorenz Böhler in einem Büchlein von 176 Seiten Umfang „Die Technik der Knochenbruchbehandlung“ (1929). Wieder stand ihm Skepsis – diesmal von medizinischen Verlegern – im Weg. Also bezahlte er die Druckkosten selbst. Der heute noch in Wien existierende, wenn auch fusionierte Buchhändler Maudrich verkaufte das Werk. Wie offenbar immer in Böhlers Leben lohnt sich seine Hartnäckigkeit*: „30 Jahre später ist das Werk in der dreizehnten deutschen Auflage auf 1500 Seiten und 3000 Abbildungen angewachsen.“ (Wissenschaftskalender, 2010)

Am 9. November 1972 wurde der Neubau des Krankenhauses der Allgemeinen Unfallversicherungsgesellschaft (AUVA) – das Unfallkrankenhaus Wien Lorenz Böhler – in der Brigittenau eröffnet. Zu diesem Zeitpunkt das modernste Arbeitsunfallkrankenhaus in Europa. Das Prinzip der AUVA ist ein Böhlersches Prinzip: „Den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen und ihm die beste Behandlungen zu bieten.“ – auch an Samstagen :-)

* “Im vorliegenden Buche habe ich die Erfahrungen niedergelegt, die ich im Verlaufe von 19 Jahren bei der Behandlung von mehr als 10.000 Knochenbrüchen, beim Studium von ungefähr 70.000 Röntgenbildern und (hauptsächlich während des Krieges) bei der anatomischen Zergliederung von mehr als 300 Brüchen der langen Röhrenknochen sowie beim Unterrichten von Hunderten von Ärzten gesammelt habe.“ (Wissenschaftskalender, 2010)

Abbildung: Lorenz Böhlers‘ Ex Libris mit seinem Hauptwerk „Die Technik der Knochenbruchbehandlung“ und Verwundeten in der Kraftkammer die seine Behandlungsmethode veranschaulichen sollen
von Brsimon auf Wikimedia Commons

Böhler-Quellen:
(Regal/Nanut, 2004) Wolfgang Regal/Michael Nanut „Der ‚Knochen-Böhler’ und seine Weberknechte“ in: Ärzte Woche 3/2004, Wien

(Regal/Nanut, 2007) Wolfgang Regal/Michael Nanut „Überwältigender Erfolg“ in: Ärzte Woche 38/2007, Wien

(Wissenschaftskalender, 2010) „TÄGLICH WISSENSCHAFT ENTDECKEN. Der Österreichische Wissenschaftskalender 2010“, Tage 16.1.2010 und 1.8.2010

AUVA

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