Piefke – Kulturgeschichte einer Beschimpfung

Porträt & Rezension

Sechs Jahre lebe ich in Wien. Glücklich, weil Wien der perfekte Platz für mich ist.
Fast glücklich, denn da ist noch der Umstand, dass ich nicht nur Annette Hexelschneider bin, sondern auch ein Piefke.

Was ist ein Piefke? Einerseits ein preußischer Militärmusiker und Komponist und andererseits eine österreichische „Bezeichnung“ für Deutsche. Zwar ist letzteres bekannt und ersteres vielleicht auch ein wenig, aber was steckt genau dahinter?

Dem Autor Hubertus Godeysen ist es zu verdanken, das der Leser bei der Lektüre des von ihm verfassten Piefke-Buches die Geschichte des Musikers und die Geschichte der „Bezeichnung“ mit ihren unglaublich vielen Facetten kennenlernt.

Das Buch erzählt in chronologischer Reihenfolge die Geschichte des Wortes Piefke und endet mit einer ausführlichen Biographie von Gottfried Piefke (1815 – 1884) und seinem nicht ganz so bekannten Bruder Rudolf (1835 – 1900), der ebenfalls Militärmusiker und Komponist war.

1866 nahm Gottfried Piefke am Krieg gegen Österreich teil. Am 31. Juli fand vor Wilhelm I. in der Nähe von Gänserndorf die Siegesparade der preußischen 1. Armee statt. Gottfried Piefke führte dabei die Militärmusik an und dirigierte seinen neuen „Königgrätzer Marsch“, der hier vor den „60.000 Teilnehmern und Schlachtenbummlern“ (S. 16) zum ersten Mal gespielt wurde. Am 1. August 1866 verließen er und sein Bruder das Marchfeld und kurz drauf das Gebiet des heutigen Österreichs, welches sie nie wieder betraten. Das „der brave preußische Musikdirektor Johann Gottfried Piefke, in Österreich zum ‚Piefke’ mutieren würde, zum Symbol des überheblichen, erfolgreichen aber ungeliebten deutschen Nachbarn, lag völlig abseits seiner Gedankenwelt und seiner Vorstellungen.“ (S. 19) Er wurde (vielleicht) symbolisch als (laute) Drohung gesehen, dass die Deutschen/die Piefkes kommen.

Das Buch bietet noch weitere Anhaltspunkte zum Wort und zu seiner Entstehung und verfolgt dann das Wort im Lauf der Geschichte:
U.a. mit Adolf Glaßbrenners Piefkes, typischen Kleinbürgern, „die nicht nur die Tagespolitik lächerlich machten, sondern an deren Bauernschläue und Berliner Witz sich die überheblichen Bürokraten die Zähne ausbissen“. (S. 28) Einer der Piefkes prägte übrigens den Spruch: „Wir sind Berliner, bange machen jilt nicht!“ (S. 31) Erstaunlicherweise waren diese Piefkes auch in Wien beliebt. Doch das war mit der Niederlage von Österreich in Königgrätz vorbei.

Vorher gab es aber noch das Witzfigurenpaar „Piefke und Pufke“ der Wiener Zeitung „Der Humorist“ (1848 – 1858). Johann Strauß (Vater) schuf sogar eine Piefke und Pufke-Polka. (S. 40)

Viele Jahre und Piefke-Etappen später versucht um 1937 sogar der britische Geheimdienst Piefke zu finden. Was für eine „Karriere“ einer „Bezeichnung“. „Anlaß bot der von einem britischen Agenten verdeckt mitgehörte Wutschrei eines Legationsrates der österreichischen Botschaft in London: ‚Da steckt Berlin dahinter; da ist wieder einmal der Piefke schuld!’“ (S. 82)

1943 werden in Österreich auf einem Widerstandsflugblatt im Wiener Lied „Heut kommen d’ Engerln auf Urlaub nach Wean…“ „die Engerln“ durch „die Piefke“ ersetzt:
„Heut’ kommen d’Piefke auf Urlaub nach Wean!
Was is auf amal los, ja sagt’s, was is denn geschehn,

Wann fahr’n die Piefke von Wean endlich ab,
Wenn’s nur schon fort wär’n, wie wär’n mir da froh!
….“ (S. 88f)

Nach dem Krieg gibt es keinen vollständigen Frieden, z.B. beim Hymnen-Streit: „Ich bringe die Anregung des Herrn Bundespräsidenten neuerdings vor, dass Deutschland die Haydn-Hymne untersagt werden soll.“ (Unterrichtsminister Hurdes) (S. 115)

Und dann sind da noch die deutschen Urlauber in Österreich. „Zu Beginn der 1980er Jahre informierte das Wiener Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) in einer Broschüre mit dem Titel ‚Der deutsche Urlaubsgast, sein Verhalten, seine Wünsche’ gezielt die einheimische Tourismusbranche. „ Zu den erkannten Typen gehören u.a. „die Lärmempfindlichen, die Meckerer und die ‚graue Maus’“, sowie „der Alltagsflüchtling, der Aktive, der Kegelbruder, der Lebenslustige, der ‚Neu-Gierige’“. (S. 130)

Und Bruno Kreisky sagte: „Ich fahre gern nach Bayern, da bin ich nicht mehr in Österreich, aber noch nicht in Deutschland!“ (S. 133)

Verblüffend ist auch die Schilderung der deutsch-österreichischen „Tourismuskrise“, die Joachim Fuchsberger mit seiner Fernsehsendung am 28. August 1982 auslöst, als sich in Wien unverblümt offen und vor einem auch großen deutschen Fernsehpublikum österreichische „Geschworene“ über die Piefkes im Urlaub in Österreich äußerten. (S. 149ff)

Kaum ist die Krise gelöst, bringt am 12. Juli 1983 das Wiener Magazin „Die Wochenpresse“ den Aufmacher „Wer braucht die Piefkes? – Österreich im Ausverkauf“ nebst Klischeebild eines Piefkes. Die Geschichte zum Bild ist mindestens genauso schräg, wie die nun folgende neue „Krise“. (S. 157ff)

Selbst im EU-Parlament in Straßburg kam es 2004 einmal zu einer Piefke-Auseinandersetzung, als der österreichische Abgeordnete Hans Peter-Martin einen deutschen Abgeordneten mit dem Ausspruch unterbrach: „Halt die Klappe arroganter Piefke!“ (S. 180)

Ein spannendes, empfehlenswertes Buch – selten ist Kulturgeschichte wirklich so nah am Leben. 268 Seiten über eine Bezeichnung und ihre Geschichte(n). Das kann es weltweit vermutlich nur zum Wort Piefke geben.

Einziger Wermutstropfen die Lektüre ist keine Garantie dafür sich in Zukunft entspannter als Piefke bezeichnen zu lassen.

Reihe: „Eine Dokumentation“
Hubertus Godeysen
Piefke
Kulturgeschichte einer Beschimpfung
280 Seiten, ca. 50 Abbildungen, Format 15 x 21 cm
Neuleinen mit Schutzumschlag
Wien-Klosterneuburg: EDITION VA bENE, 2010
ISBN 978-3-85167-238-1
€ 24,90 / SFr 45.–


Foto ganz oben von Pasgi auf Wikimedia Commons, Piefke Denkmal das im September 2009 Johann Gottfried Piefke in Gänserndorf gesetzt wurde.

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