Wiener Neustädter Kanal – Auf dem Weg nach Triest…

… kam der Kanal nur bis Wiener Neustadt. Zwar gibt es in der Literatur immer mal wieder Diskussionen, ob der Kanal wirklich von Wien bis an die Adria führen sollte. Aber wie stellt das Land Niederösterreich in seinem Rechnungshof-Bericht 6/2003 fest: “Der Wr. Neustädter Kanal wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Frachtverkehrsverbindung von Wien an die Adria geplant; anfangs des 19. Jahrhunderts konnte der Kanal zwischen Wr. Neustadt und Wien in Betrieb genommen werden. Danach folgte eine wechselvolle Geschichte, die auch eine Änderung der Nutzungsart zur Folge hatte.”

Die Geburtstunde des Kanals schlug 1803. Er verband Wiener Neustadt mit Wien auf einer Länge von 58 km. 45 Schleusen halfen, 103 m Höhenunterschied zu überwinden. Auf dem Kanal sollte Kohle und Holz nach Wien transportiert werden. Gedacht waren auch „Truppen- und Munitionstransporte zu den stets bedrohten habsburgischen Provinzen in Italien“ (Hödl, 2009) Am Ufer, auf einem Treppelweg zogen Pferde die Lastkähne.
Das Ziel Adria war leider technisch & finanziell nicht zu erreichen. Zwar wurde der Kanal 1810 bis an die damalige ungarische Grenze verlängert, aber dies war sein geographisches Ende. Ohnehin war der Weg dahin technisch sehr mühsam und von jeder Menge Problemen aller Art begleitet.
Schade, denn “allein die Idee, per Boot vom Bereich Stubentor/Landstraße – dem ursprünglichen Wiener Verladehafen des Kanals – bis nach Triest zu fahren, ist auch heute noch ein faszinierender Gedanke.” (Hödl, 2009).

Sogar indirekt literarische Folgen hatte der Kanal. 1822 pachtet ihn der Bankier Fries. Leider setzen sich die Kanal-Probleme fort. Der Bankier geht Bankrott. Und Ferdinand Raimund nimmt ihn zum Vorbild für sein Stück “Der Verschwender”.

Doch die Kanal-Faszination bleibt. 1884 schreibt Moritz Ebner-Eschenbach, der Ehemann von Marie Ebner-Eschenbach: “das in die Schleusenkammer des Kanals stürzende Wasser glich einem Feuerstein, das sich in weißen, schäumenden Gischt auflöst, und auf dem zitternden Schiffe stehen zu dürfen und mit ihm gehoben zu werden, das war ein leider nur selten von meiner besorgten Mutter erlaubtes Vergnügen. Wer mir damals gesagt hätte, dass diese Wasserstraße einstens durch die Eisenbahn verdrängt werden würde, den hätte ich für einen Spaßmacher gehalten.” (Österreichische Rundschau, 1907)

Tatsächlich passierte genau das. Der Kanal wurde aus Wien durch Eisenbahnprojekte „vertrieben“ . Zuerst sein innerstädtischer Hafen durch eine Verbindung zwischen dem Südbahnhof und dem Nordbahnhof, dann der neue Hafen in Simmering durch die Aspangbahn. Und schließlich machte die Südbahn der Bedeutung des Kanals den Garaus. So ging der Kanal langsam seinem (Schifffahrts-)Ende entgegen. “Negativer Höhepunkt waren die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Danach waren die Besitzer nicht mehr im Stande, den Kanal zu sanieren und zu betreiben, sodass schließlich im Jahre 1956 das Land NÖ den Kanal erwarb, um dessen Bestand zu sichern.” (Niederösterreich Landesrechnungshof, 2003)

Heute ist der Kanal noch 36 km lang und fließt von Wiener Neustadt nach Biedermannsdorf. Die Strecke kann man mit dem Rad erkunden und genießen (Thermenradweg, Euro Velo Nr. 9), fast immer direkt am Kanal. Mal geht es sehr einsam und abgelegen durch Felder, mal ist die Zivilisation ganz nah, inklusive Heuriger. Weil einem die romantische Fahrt vielleicht etwas unbesorgt werden lässt, warnen an manchen Kreuzungen des Radweges mit zu Verkehrsstraßen Schilder mit der Mahnung: Todeskreuzung!
Beeindruckend ist bei Guntramsdorf die gurgelnde dreistufige Schleuse, die auch schon den Kaiser beeindruckte. Und mehrfach überquert der Kanal auf hohen Brücken gemeinsam mit den Radlern Flüsse.
Ein sehr zu empfehlender (Rad-)Ausflug in die Wiener Geschichte voller technischer Ideen, die auf Tafeln geschildert werden und in einer wunderbaren und abwechslungsreichen Landschaft! Auch ohne Triest seine Reise wert!!

Mehr Kanal-Geschichte?

Mehr Kanal-Aktivitäten?

Und „Der Verschwender

Kanal-Quellen:
Land Niederösterreich, Rechnungshof-Bericht „ Wr. Neustädter Kanal“ 6/2003

Johann Hödl „Das Wiener U-Bahn-Netz. 200 Jahre Planungs- und Verkehrgeschichte“ , Wiener Linien GmbH & Co KG, Wien 2009

Zitat Moritz Ebner-Eschenbach aus Dr. Paul Slezak, Dr. Friedrich Slezak, Josef Otto Slezak „Kanal Nostalgie Aspangbahn. Ergänzungsband zum Buch ‚Vom Schiffskanal zur Eisenbah’“ Verlag Josef Otto Slezak, Wien 1990

Foto von Roberto Verzo auf flickr

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