Wiener Protestsongs – „ich muss gar nichts gar nichts NICHTS Was ich nicht will“

Ich, Du, er sie, es, wir, Ihr, sie protestieren
– in Wien gern auch musikalisch.

Ich stelle mich am Rathaus unter das Fenster des Wiener Bürgermeisters und singe meinen Protestsong. Warum? Über fünf Jahre lebe ich in Wien, liebe „meine“ Stadt, zahle fleißig Steuern. Im Februar 2010 fand eine Volksbefragung in Wien statt. „Wien will’s wissen“, so der Titel der Befragung, doch leider will Wien nichts von mir wissen. Ich zähle nicht als Wienerin ☹

Oder doch? Zumindest mit meinem Wiener Protestgesang. Denn das Wiener Volk liebt es, seine Proteste singend zum Ausdruck zu bringen. Zum Beispiel Johann Strauß Sohn. Sein Vater wollte auf gar keinen Fall, das der Sohn Musiker wird. Doch er konnte es nicht verhindern. Und nicht nur das, der Sohn komponierte zudem auch Protestsongs – 1848 den Revolutionsmarsch. Und Protest-Polkas: die Demolierpolka, die Explosionspolka.

Es folgte ihm 1919/20
ein Sachse in Wien nach – Hanns Eisler. Der Komponist der DDR-Nationalhymne übte für später in Wien-Floridsdorf. Dort leitete er den Wiener Arbeiterchor „Stahlklang“ in den Siemens-Schuckert-Werken.
Im ersten Weltkriege sicherheitshalber von Österreich in ein nicht-deutschsprachiges Regiment einberufen, sang er da noch ungarische Volkslieder. Doch im Stillen begann er seine Protest-Musik zu komponieren. „1919 verspürten die österreichischen Sozialisten einen missionarischen Drang, der Arbeiterklasse Kultur zu überbringen … Eisler unterrichtete beim Verein für volkstümliche Musikpflege, den man auch als ‚Volkskonservatorium’ bezeichnete, und dirigierte verschiedene Arbeiterchöre in Wiens Arbeitervierteln.“ Doch nicht jeder Wiener will immer protestieren. So kam es zu Differenzen zwischen Eisler und dem Chorvorstand, „der Volkslieder oder Standardwerke von Beethoven oder Schubert“ Eislers Politisierversuchen vorzog. Was tut ein sächsischer Wiener da? Eisler suchte sich einen neuen Chor. Der Protestier-Erfolg stellt sich ein: „1925 wurde dieser wegen Radikalität vom Dachverband, dem sozialdemokratisch dominierten österreichischen Arbeitersängerbund, ausgeschlossen. Eisler erkannte, dass die Arbeiterchöre ein maßgeschneidertes Repertoire benötigten.“ Von einem Arbeiterkonzert im Wiener Konzerthaus heißt es: “Auf dem Programm war die ganze Musik zu dem Film von Hanns Eisler (Kuhle Wampe), die mit dem Solidaritätslied endete. (…) Die Arbeiter kamen, und als das Lied von der Solidarität erklang, sprang das Publikum bei den ersten Takten von den Sitzen.“ (Eisler – Hanns Eisler. Mensch und Masse, 2009)

Zurück in die Gegenwart, 2010, Wien, Rabenhof-Theater, 7. Protestsongcontest des Radiosender FM4. Das Publikum muss heute zum Aufspringen animiert werden. Der Saalsprecher: „Meine Damen und Herren, bitte stehen Sie auf, das ist heute keine Sitzveranstaltung…“. Und schon beginnt der Abend mit dem Arbeitersängerbund. Etwas irritierend klassisch. Danach dann 10 Bands, die in die Endausscheidung gekommen sind. Seltsamerweise können einige davon noch nicht die Standardfrage des Moderators beantworten: “Wogegen richtst sich Euer Protest?“
Die Erkenntnis – Protest heute in Wien ist visuell zuckerbunt, von rosa bis türkis, wie an den Bildern hier erkennbar. Musikalisch in den Musikströmungen der Gegenwart angekommen. Textlich oft überraschend, so wie die Sieger der Band „pauT“ mit „sepp haT gesagT, wir müssen alles anzünden“.
Die Band Cremeschnitten (2. Platz) bringt es auf dem Punkt:
„Du musst sagt die Autorität
du darfst sagt der Diplomat
du kannst, doch ja nicht zu spät
ich entwerfe dir dein Format

es tut mir leid, bin nicht bereit
es tut mir leid, bin nicht bereit
ich muss gar nichts gar nichts
gar nichts
gar nichts gar nichts gar nichts
gar nichts gar nichts NICHTS
Was ich nicht will.“

Doch auch, wer nur einen Protest hat, aber nicht gut singen kann, findet heute einen musikalischen Weg in Wien. Ich, Du, er sie, es, wir, Ihr, sie schicken den Protest an den Wiener Beschwerdechor, „das Singraunzprojekt im öffentlichen Raum“. Mitsinger sind natürlich auch gern gesehen und „wer nicht gut singen kann, macht einfach bei der Gruppe der ‚Schreier und Stampfer’ mit.“ (Flori, 2010)

Wiener Protest-Songs eine Wiener Melange*.

*“Der Begriff Melange kommt aus dem Französischen und bedeutet im allgemeinen so viel wie Mischung oder Gemisch. Das Wort steht aber auch als Synonym für eine Vermischung, Verschmelzung, Kreuzung, Mixtur etc. verschiedenartiger Dinge oder Stilarten.“ (Wikipedia)

Nachtrag: Einer der Juroren des Protestsongcontests wurde vom Publikum als „Herr B., Sie sind zu alt!“ „ausgepfiffen“.
Lieber Herr B.,
Sie sind nur einen Monat älter als ich, wie wäre es, treten wir nächstes Jahr als Duo auf und singen gegen die Ausgrenzung der Generation 50+ an?
Herzlichst,
A. H.

Bilder vom 7. Protestsongcontest. Von oben nach unten die Bands „Rotzpipn & Das Simmeringer Faustwatschenorchester“, „Die Cremeschnitten“ und „Beschwerdechor St. Pölten“

Protestsong-Quellen:
Wiener Volksbefragung 2010

Katalog der Ausstellung „Hanns Eisler. Mensch und Masse / Hanns Eisler. Individualist – Collectivist“ im Jüdischem Museum 2009, herausgegeben von Michael Haas und Wiebke Krohn im Auftrag des Jüdischen Museums Wien

Webseite des 7. Protestsongcontest mit Musikprotesthappen

Geladen zum singenden Aufpudeln“ von Nina Flori in der Wiener Zeitung vom 30./31.1.2010

Webseite des Wiener Beschwerdechores

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