Der Donaukanal – Strom der Geschichte(n)

Vielleicht begann die komplexe Geschichte, die ich heute erzähle, mit der Donauregulierung. Dafür wurden u.a. Maschinen verwendet, die schon den Suez-Kanal gebaut haben. Den Schimmer einer Andeutung dafür findet man in den Löwen auf dem Nußdorfer Wehr [Sauer, 1996] und in überraschend komplexer Politik an diesem scheinbar harmlos, grünlich dunkel und träge wirkenden südlichen Donauarm. Der mehr Donau-Gefühl nach Wien bringt, als der Hauptteil der Donau. Der Kanal fließt an der Innenstadt vorbei; im Gegensatz zur Donau selbst, die ziemlich weit weg vom Stadtzentrum daherkommt.

Es war einmal ein Werbeschwimmen: „Quer durch Wien“. Als Nachfolger des Schwimmwettbewerbes „Donaumeisterschaft“ fand dieses Schwimmen erstmal 1913 statt. Geschwommen wurde im Donaukanal von der Nußdorfer Schleuse bis zur Aspernbrücke bei der Urania. 1913 und auch nach dem ersten Weltkrieg, als dieser Wettbewerb wieder aufgenommen wurde, waren jüdische Schwimmer und Schwimmerinnen sehr erfolgreich. Sie hielten durch bis zum Ziel und gewannen. Sicher darauf zurückzuführen, das die Schwimmsektion des Sportklubs „Hakoah“ sehr aktiv, sehr groß und damit sehr erfolgreich war. „Hakoah“ war „ein auf Massensport eingestellter Verein,…, wie kaum ein andere jüdischer Verein auf der Welt.“ Es kam, wie es kommen musste. Da es im Donaukanal keine Möglichkeit gab, die jüdischen Sportler am Siegen zu hindern, wurde „Quer durch Wien“ nach dem Sommer 1931 eingestellt und „in die antisemitische Provinz nach Krems verlegt.“ Trotz Disqualifikationen aus unbekannten Gründen, konnten sich die jüdischen Schwimmer mit ihren Leistungen durchsetzen bis 1938. [Körner 2008].

Und der Donaukanal war dann wieder scheinbar unpolitische Donau.

Bis die Mode des Strandes in der Stadt aufkam. Eigentlich sind ja Strände bis auf ein paar spezielle geschichtliche Ausnahmen relativ unpolitisch. Verschiedene Strände und ein Badeschiff brachten in den letzten Sommern schon Freizeitgefühle an den Donaukanal. Aus Anlass der 100 Jahr-Feier von Tel Aviv sollte dies auch ein weiterer Strand tun: die Tel Aviv Beach. Strandsessel aus Tel Aviv, Catering durch die Familie Molcho und mehr sorgen für etwas Meer am Kanal. Doch diese Idee führte zu einer Konfrontation. Am gegenüberliegenden Ufer begleitete eine Gaza Beach die Eröffnung der Tel Aviv Beach. Pro-palästinensische Demonstranten machten aufmerksam auf ihre Meinung. Politik findet Stadt – um einen Wien-Werbespruch anzuwenden. So viel Politik in Geschichte und Gegenwart an einem scheinbar harmlos, grünlich dunkel und träge wirkenden südlichen Donauarm.

Als ich die Tel Aviv Beach besuchte, wehten von der Gaza Beach-Seite jedoch nur dunkel wehmütige Saxofonklänge herüber.*

*Was wie ein zu optimistisch Schluss klingt, ist tatsächlich so passiert, als am Abend ein Saxofonist selbstvergessen friedlich übte.

Donaukanal-Quellen:

[Sauer, 1996] „Das afrikanische Wien. Der Führer zu Bieber, Malangatana, Soliman“ herausgegeben von Walter Sauer, Mandelbaum-Verlag, Wien 1996

[Körner 2008] „Lexikon jüdischer Sportler in Wien. 1900 – 1938“ von Ignaz Hermann Körner, Mandelbaum-Verlag, Wien 2008

Mehr Afrika, mehr Tel Aviv Beach, mehr Gaza Beach in Wien.

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