Wiener Bank-Verein – Director’s Cut und mehr

Der Wiener Bank-Verein, 1869 gegründet, ist in diversen Wandlungen zur Bank Austria geworden. Erhalten blieb das beeindruckende Wiener Bank-Vereinsgebäude am Schottenring (Schottengasse 6-8). Beeindruckend, weil große Teile der ursprünglichen Innenarchitektur erhalten sind und so Geschichte betreten werden kann. Nicht nur Geschichte, sondern auch eine Wunderkammer aus Geschichten. Treten Sie ein, lassen Sie sich überraschen von Legosteinen aus dem Jahr 1912, von 15.000 Safes, dem „Director’s Cut“ und einer Bank, die steuerliche Herausforderungen zu meistern versucht.

1908 lud das Direktorium des Bank-Vereins vier Architekten zu einem Wettbewerb für ihr Bankgebäude ein. Die beteiligten Architekten Ernst von Gotthilf-Miskolczy und Alexander Neumann gewannen die Arbeit für sich. Hier beginnt bereits die erste verblüffende Geschichte. Die Bauherrn bezahlten den beiden Architekten eine Studienreise, um rund 40 Banken in Europa zu besuchen und sich mit deren herausragender Architektur und neuer Technik vertraut zu machen. Welcher Bauherr finanziert heute noch so etwas?! Dafür wurde der Wiener Bank-Verein mit einer Bank belohnt, die sehr gut aussieht und für die damalige Zeit viele technische Neuerungen besaß. Bereits Lego-Steine wurden vorausgedacht, die ja erst 37 Jahre nach Eröffnung der Bank auf den Markt kamen, siehe mein Foto oben aus der Kassenhalle :-)

Die zweistöckige Kassenhalle wird nach wie vor im Mittelschiff – im Kundenbereich – mit Tageslicht beleuchtet; rechts und links die Bankarbeitsplätze mit extra Licht „über eine Dachkonstruktion aus Milchglas“.[1] In der Wiener Postsparkasse ist diese Prinzip übrigens umgedreht worden.
Die Bank hält auch einen Rekord: sie beherbergt den größten Einzelkunden-Safe-Raum Europas. Begründet wurde dieser Rekord mit 2.578 Safes zur Eröffnung des Bankgebäudes, ergänzt um kleine badekabinenartige Rückzugsmöglichkeiten für die Besitzer der Safes. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die Reserveflächen ausgebaut und heute erstrecken sich Tresore auf 4.200 qm.

Der „Director’s Cut“ im Tisch des Vorstands-Besprechungszimmer ist natürlich nicht für den Bauch dicker Bankdirektoren gedacht, sondern war eine zutiefst zwischenmenschliche Erfindung. Der Direktor kann alle am Tisch sitzenden Mitarbeiter wahrnehmen und ansehen. Oder war es vielleicht so gedacht: „Eine (autoritäre) Führungskraft etwa, die statt dem Tischende einen Platz in der Mitte wählt, wird automatisch als Teamplayer gesehen.“ [2]

Und jetzt näheren wir uns der Frage, die heute spannender denn je ist: Sparen Banken auch? Der Wiener Bank-Verein hat das ausdrücklich versucht. 1923 „besteuerte die Gemeinde Wien zahlreiche Wiener Häuser, die mehrere Stiegenaufgänge – wie z.B. eine „Herrschaftsstiege“, „Dienertreppe“ u. dgl. – besaßen.“ [1] Im Gebäude gab es eine sehr prächtige Direktionsstiege, die zum Generalversammlungssaal führte. Der Wiener Bank-Verein brach sie ab, baute den Eingang am Ring zurück und sparte – hoffentlich :-) – unter dem Strich damit Geld. Heute kann man den ehemaligen Eingang zu dieser Stiege an der konkaven Krümmung der Fassade zum Schottenring hin erkennen.

Dieser Generalversammlungssaal der Bank ist ein Oktogon. Solche Achtecke – die Acht u.a. Symbol für das Neue oder für Macher – sind in Wien erstaunlich viel vertreten, auch im Burgtheater und am Himmel. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte und ein neues Porträt in der Wiener Porträt Galerie.

Wiener Bank-Verein-Quellen:
Führung von Frau Dr. Ulrike Zimmerl für den Verein für Geschichte der Stadt Wien
und [1] „Zur Ästhetik von Bankhäusern“ von Dr. Ulrike Zimmerl in „Bank Austria Creditanstalt – 150 Jahre österrichische Bankengeschichte im Zentrum Europas“ herausgegeben von Oliver Rathkolb, Theodor Venus und Ulrike Zimmerl, Paul Zsolnay Verlag Wien2005

[2] „Vorsicht, Minenfeld: Sitzordnung in Meetings“ von Kathrin Gulnerits, 27.09.2007, on-line Ausgabe des WirtschaftsBlatt Wien

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