Hanns Eisler – Der fremde Komponist

Hanns Eisler?

Gelangweilte ostdeutsche Antwort: Der Komponist unserer Nationalhymne.
Amüsierte ostdeutsche Antwort: Wenigstens seine Musik blieb übrig, nachdem wir den Text von Johannes R. Becher nicht mehr singen durften. Damals, als es nicht mehr passte zu planen: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland. Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint, denn es wird uns doch gelingen, dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint, über Deutschland scheint.“.
Ironische ostdeutsche Antwort: Ab dem 5. Januar 1990 durfte der Text wieder gesungen werden. Der erste Schritt Eislers in die ostdeutsche Vergessenheit. Endgültig darin versank er, als da keine Nation mehr war, die seine Hymne hätte singen können.

Hanns Eisler? Ich wusste noch, das er ein Leipziger war, so wie ich :-) Und damit war er ganz hinten in meinen Erinnerungskammern angekommen. Dem Jüdischen Museum Wien und seiner Ausstellungsserie „musik des aufbruchs“ mit der aktuellen Ausstellung „hanns eisler – mensch und masse“ (bis 12.07.2009) ist es zu verdanken, das ich einen neuen Komponisten kennen lernte. Einen sehr lebendigen Mann (3 Ehefrauen, 1 Geliebte, 1 Sohn), einen Menschen, der von Leipzig nach Wien kam :-), einen hartnäckigen Arbeiter (fachlich, fleißig), einen Privilegierten („Aus“flüge nach Wien zu DDR-Zeiten). Nun ist er für mich der interessante Komponist und der spannende Spiegel seiner Zeit in Deutschland, Wien, der DDR und der Auf & Abs der Arbeiterbewegung. Sehen Sie einmal mit mir gemeinsam hinein in diesen Spiegel. Sollten Ihnen solche sentimentale Blicke nicht liegen, lesen Sie nicht weiter und legen Sie statt dessen Musik von Eisler auf – z.B. die „Kleine Musik zum Abreagieren sentimentaler Stimmungen“.

Hanns Eisler (1898 – 1962) wurde in Leipzig geboren als Sohn eines Wiener Juden, der in Leipzig seine Doktorarbeit schrieb und sich dort verliebte. Rabbi Löw wird zu den Vorfahren der Familie des Vaters gezählt. Auch Der Vater ist Philosoph, einige seiner Werke haben bis heute überlebt, u.a. sein Kant-Lexikon. Als kleiner Junge kommt Hanns Eisler mit seiner Familie nach Wien. Er geht hier zur Schule, als k.u.k.-Soldat in den ersten Weltkrieg (vorsichtshalber in eine Einheit des Vielvölkerstaates gesteckt, deren Sprache er nicht spricht, um nicht „aufzurühren“), wohnt 1919 u.a. mit Georg Lukács, dem marxistischen Philosophen, in Grinzing in alten Militärbaracken und geht von 1919 – 1923 bei Arnold Schönberg in die Lehre. Schönberg unterrichtet ihn unentgeltlich, weil er von Eislers Talent beeindruckt ist. Obwohl Eisler neben Berg und Webern einer seiner besten Schüler ist, nutzt er sein Talent, um die proletarischen Massen zu mobilisieren und nicht die neu-kunstsinnigen Intellektuellen. Er wird Arbeiterchorleiter in Wien für die Chöre „Stahlklang“ und „Karl Liebknecht“ in Floridsdorf. 1925 geht er nach Berlin, um zu unterrichten und eine moderne proletarische Musiksprache zu schaffen. Eigentlich hätte ich wissen müssen, das die Musik zum proletarischen Film „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“ von ihm ist, aber vermutlich habe ich da in der Schule abgeschaltet. Und so birgt die Ausstellung noch viele überraschende DDR-Schulstoffe.
Eisler muss 1933 Deutschland verlassen und kann auch nicht in Wien bleiben. Sein Weg führt über viele Stationen in die USA. In Hollywood erarbeitet er sich u.a. zwei Oscar-Nominierungen für seine Filmmusiken zu „Hangmen Also Die!“ und „None but the Lonely Heart“.

Nicht nur Eislers Leben ist ein Spiegel der Zeit, auch seine Familie. Er hatte einen Bruder und eine Schwester. Im Exil in den USA schwärzt ihn seine Schwester als sowjetischen Spion an, verbittert durch persönliches Leid ist sie zu einer Stalin-Gegnerin geworden. Diese geschichtliche Bruchlinie geht durch die Familie, auch zum Teil durch Eisler selbst.

Eisler muss die USA verlassen, findet keinen Verdienst in Wien und kehrt so nach Ostdeutschland zurück; er wird ostdeutscher Staatskünstler. Nicht ganz reibungslos – sein selbständiges Denken und kreatives Ausprobieren bringt ihn in den Strudel der DDR-(Kultur)-Formalismus-Debatte. 1953 gönnt er sich etwas Distanz und arbeite noch einmal in Wien – an einem Fidelio(!)-Filmprojekt. Er geht zurück – den Weg zurück als Künstler des Staates und stirbt ein Jahr nach dem Bau der Mauer.

Wien bedeutete Eisler mehr als Österreich. Seine 3 Ehefrauen kamen alle aus Wien, sein Sohn wurde hier geboren. Paris sah er als „Vaterstadt“, sein Vater hatte dort lange gelebt. Leipzig war ihm „Mutter- und Geburtsstadt“.

Foto: Wohnhaus der Familie Eisler im 2. Bezirk, nahe dem Prater

Mehr Eisler.

Eisler-Quelle:
Ausstellung „hanns eisler – mensch und masse“ im Jüdischen Museum Wien

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