Abschiede – Wo, wenn nicht in Wien, Teil 2

„Sag‘ beim Abschied leise Wien“ hieß es für die Künstlerin Carmen Brucic am letzten Freitag und Samstag im Burgtheater, als sie mit dem Kongress „Symmetrien des Abschieds“ ihre Serie künstlerischer Projekte zur liebeskranken Gesellschaft beendete.
Ich habe an beiden Abenden mit geholfen, den Wienern und Ihren Gästen mögliche Symmetrien des Abschieds nahe zu bringen. Nicht ganz uneigennützig, wollte ich doch so wieder einmal mehr über die Wiener Seele lernen. Was mir einerseits gelungen ist, mich andererseits – wie immer – ein wenig ratlos zurück lässt. Vielleicht sollte ich Abschied nehmen von der Vorstellung, die Wiener je ganz verstehen zu können? Diesem Loslassen würde ganz sicher ein Aufbruch zu neuen Wiener Überraschungen folgen. Bevor wir jedoch beim Aufbruch ankommen, möchte ich noch einmal durch alle vier Abschieds-Symmetrie-Phasen der Abende wandern, so wie ich sie erlebt habe.

Lebewohls

Am Wienerischsten an den Abenden war sicher das Lebewohl des Kaisers. Die Installation „Anleitung zur Erschießung eines Kaisers“ von Carmen Brucic zeigt den letzten Abschnitt des Schicksals des jüngeren Bruders – Maximilian – von Kaiser Franz Joseph, der 1867 in Mexiko erschossen wird. Die Installation beruht auf dem Roman „Notizen aus dem Imperium“ von Fernando del Pasos, in dem der Kaiser bis einschließlich seiner Unterhose die Modalitäten seiner Erschießung klärt. Wienerischer geht es nicht mehr.

Eine ganz andere Art von Abschieden in Wien bot das Momenttheater, in dem die Gäste mit den Burgschauspielern berühmte Abschiede nachspielen konnten. Ganz klar, die Burgschauspieler gehören den Wienerinnen. Diesen Einblick in die Wiener Seele hatte ich von der ersten bis zur letzten Minute an meinem Infostand in der Nähe des Momenttheaters. Damen aller Altersgruppen waren fest entschlossen ihre Burgschauspieler zu „erobern“. Fast eher ein schnell-und-fest-ins-Herz-fassen als Abschied. Und das mit viel Temperament, was ein Gast so kommentierte: „Wo es laut ist, ist Theater!“

Neben diesen geradezu schwungvollen Abschieden gab es die ganz, ganz sanften. Zum Beispiel bei den Traum-Energien der Nacht. Gemütlich im Bett liegend, konnten sich die Gäste von einem Traum überraschen lassen, den ihnen die Traumerzählerin und der Harfenist aus ihren drei Stichworten zauberten. Im Dunkel – nur erleuchtet von den kleinen Pulslichtern der Besucher – entfaltete die Erzählerin sehr, sehr persönliche Träume. Zum Beispiel über den Abschied im Loslassen: Stellen Sie sich vor, Ihr Navigationssystem im Auto lenkt Sie auf eine einsame Waldlichtung, eine berückend schöne Lichtung. Doch Sie können nicht aussteigen. Loslassen braucht zuerst Kraft, Kraft die Fensterscheibe einzuschlagen. Und Mut, Mut der nächsten Navigations-Anweisung zu folgen, auf eine hohe Tanne zu klettern. Die sich biegt und biegt und biegt. So mit Flugenergie versorgt, können Sie loslassen und sich dem Wind anvertrauen.

Abschiede auf Zeit

Mein Abschied auf Zeit war ein Abschied von mir selbst. Zwei Abende, ein anderes Gesicht, eine Rolle. Das bin ja nicht ich, also kann ich auch anders sein :-) Und noch ein Abschied auf Zeit war es, einmal fast keine Kultur zu konsumieren. Sonst bin ich diejenige, die möglichst viel Kultur auf einmal erleben will. An den beiden Abenden war es zum Teil sehr lustig in den Spiegel übereifriger Kultur-Konsumenten zu schauen: ich will (bitte) alles ausprobieren und das unbedingt sofort.

Auf der Suche nach dem Neubeginn

Neubeginn, die Herausforderung und die Chance. Was wohl beide Abende für viele Zuschauer waren. Sich seinen Abend selbst zusammenstellen aus einem üppigen und teilweise sehr unbekanntem Programm, mit beeindruckenden Menschen sprechen, sich ganz speziell und ganz persönlich in einem großen Zeremoniell auf den Feststiegen verabschieden lassen, waren für viel Zuschauer Herausforderungen. Chancen vielleicht, das sonst eher gemiedene Thema Abschied mit seinen unglaublich vielen Facetten kennen lernen zu können und dabei viel Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen.

Aufbruch

Aufbruch-Erlebnisse hatte ich mit Gästen und ihren Expertengesprächen – dem Herzstück des Abends. „Der besondere Wert der Expertengespräche liegt in der unbedingten Aufmerksamkeit, mit der die Beteiligten einander begegnen. Die Besucherinnen und Besucher treffen auf Persönlichkeiten, mit denen sie im „gewöhnlichen Leben“ vielleicht nicht ins Gespräch kämen. Inspiriert von persönlichem Wissen, Weisheit, Temperament, Originalität, Schönheit und Gefühl sollen die Begegnungen sowohl für die BesucherInnen als auch für die ExpertInnen zu einem Erlebnis werden, das auch nach dem Abschied voneinander nachwirkt.“ [Carmen Brucic]

Eine Besucherin, die unsicher war, ob sie überhaupt zu so einem Gespräch gehen und was sie selbst denn dann sagen sollte, habe ich mit Klaus Bachler „zusammengebracht“. Ihr Thema war Aufbruch und dazu konnte der Burgtheater-Intendant sicher ausreichend erzählen.

Die Kraft des weiblichen Aufbruchs hat Margarethe Lutz erfahren. Sie ist die letzte noch lebende Patientin von Sigmund Freud. „Die von der Hoffnung leben – wie Sigmund Freud in mir die Hoffnung weckte“, war ihr Thema. Frau Lutz hat ihren Aufbruch weitergegeben u.a. an eine Bekannte von mir. Und ihre Freude darüber, war so anrührend sichtbar, das der Abschied von den beiden Abenden mir leicht fiel, denn „im Abschied ist die Geburt der Erinnerung“ (dt. Sprichwort).

Mehr: Kongress “Symmetrien des Abschieds”

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3 Kommentare zu “Abschiede – Wo, wenn nicht in Wien, Teil 2

  1. Annette, das ist wieder ein toller Bericht und ich habe ihn mit Begeisterung gelesen. Mehr davon! Du bringst mir Wien Stück für Stück näher. Danke!

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