Winter in Wien – Schlitten-Wettfahrten, Schnee im Loos-Zimmer

„Wien ist anders“ behauptet stolz der Wiener Magistrat. Ab und an arbeiten sich Kritiker an diesem Spruch ab. Mir gefällt er. Er passt zu Wien auch wenn es schneit.

winter11Anfang Februar 1885: „Das am 1. d. M. Veranstaltete zweite Schlitten-Wettfahren kann als wohlgelungen bezeichnet werden. Das Wetter war abermals prachtvoll, … und hatte sich diesmal das elegantere Publicum zahlreich eingefunden. Während des dritten Fahrens ereigneten sich zwei Zwischenfälle, die leicht einen recht üblen Verlauf hätten nehmen können, allein glücklicherweise dennoch ohne ernsthaftere Folgen blieben. Der eine bestand darin, daß einer der Fahrer, jedoch ohne sein Verschulden, zu Ende der ersten Tour des dritten Fahrens mit seinem Pferde so heftig an dasjenige eines berittenen Sicherheitswachmannes anrannte, daß das letztere bei Seite geschleudert wurde und sein Reiter sehr unsanft zu Falle kam. Er raffte sich indeß bald wieder auf und bestieg sein Thier. Der andere Zwischenfall war ein höchst eigenthümlicher. Als die Pferde eben im vollsten Laufe an der Tribüne vorübersausten, verlor eines derselben ein Hufeisen, welches einem der Zuseher mit solcher Wucht in das Gesicht flog, daß er eine n i c h t  u n b e d e u t e n d e  W u n d e an der Nase davontrug. Das Nasenbein war jedoch zum Glück nicht gebrochen, wie im ersten Augenblicke vermuthet wurde. Als die vierte Programm=Nummer, die Concurenz der Fiaker, an die Reihe kam, war die Bahn schon so zerfahren, daß unter den Hufen der Pferde nicht mehr Schnee, sondern eine breiige Masse von Wasser, Koth und Eis aufflog …“ [1]

Anfang Januar 2009: Wen eine „breiige Masse von Wasser, Koth und Eis“ schreckt, der musste nur seine Schritte ins Wien Museum wenden. In der Dauerausstellung hatte es trocknen und sauberen Schnee geschneit – im Looszimmer. Das Wohnzimmer des Architekten Adolf Loos (1870-1933) , „Pionier der Moderne“, ist hier in der Version von 1903 ausgestellt. Es war Bestandteil seiner Wohnung in der Bösendorferstraße 3, fast um die Ecke vom Wien Museum. Der Stil des Zimmers ruft geradezu nach Schnee. Und da das Wien Museum immer mal wieder die eigene Dauerausstellung verfremdet und so auf raffinierte Weise Besucher erneut hineinlockt – am Sonntag kostenlos (!) – durfte der gebürtige Wiener Designer Robert Stadler Herrn Loos Schnee ins Wohnzimmer werfen. Natürlich nicht einfach so. Mann ist ja Wiener: „Mit seiner Installation reagiert der Künstler speziell auf die museologische Situation der Wohnung und deren Erinnerungscharakter: Er verwandelt das Wohnzimmer mit Kaminraum in ein überdimensionales Souvenirobjekt. „Das skurrile Festfrieren einer lebendigen Situation ist hier mit dem Bild einer Schneekugel übersetzt“, so Stadler.“ [2] Vermutlich wurde er heimlich gesponsert vom Wiener Vater der Schneekugel Erwin Perzy.*

Winter-Quellen:
[1] Nachrichten aus der „Wiener Allgemeine Zeitung“ vom 3. Februar 1885, zugänglich in der Wienbibliothek im Rathaus

[2] Installation „looslgelöst“ von Robert Stadler in der Dauerausstellung des Wien Museum, Info-Tafeln am Looszimmer. Leider bereits beendet.

Fotos: Hufeisen von wildkitten „If a horseshoe could talk…“ auf http://www.sxc.hu,  „loolsgelöst“ von mir.

* Prophylaktische Gegendarstellung: Das ist natürlich nur die künstlerische Freiheit einer originellen Pointe und kein wie auch immer gearteter Verdacht.

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