Stalin, Trotzki – Wo macht die Revolution Pause?

Pause macht eine Revolution natürlich eigentlich nie. Wenn schon, dann eine Kaffeepause. Und welcher Ort wäre dafür besser geeignet als Wien?

„Ich saß neben dem Samowar am Tisch in der Wohnung von Skobelow… in der alten Hauptstadt der Habsburger«, schreibt Trotzki, … „ als sich die Tür plötzlich nach einem Klopfen öffnete und ein unbekannter Mann eintrat. Er war klein… dünn… Pockennarben bedeckten seine graubraune Haut… Ich sah nicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen Augen.“ Es war Stalin, der „am Samowar stehen blieb und sich eine Tasse Tee einschenkte. Dann ging er so leise hinaus, wie er gekommen war, und hinterließ bei mir einen sehr deprimierenden, doch ungewöhnlichen Eindruck. Oder vielleicht warfen die späteren Ereignisse einen Schatten auf unsere erste Begegnung.“[1]

Stalin wurde von Lenin nach Wien geschickt, um hier für „Der Marxismus und die nationale Frage“ zu recherchieren. Er wohnte in Wien bei russischen Adligen, die der Revolution gewogen waren. Nahe Schönbrunn, an der Wegstrecke des Kaisers ins Büro. Wer – zum Glück aus beträchtlicher historischer Distanz – dieser Geschichte der Geschichte nachspüren möchte, kann das vor einer Gedenktafel am Haus tun, die 1949 enthüllt wurde. Österreich verpflichtete sich im Staatsvertrag von 1955, der dem Land seine Freiheit gab, die Denkmäler der Armeen zu bewahren, die auf ihrem Gebiet gegen Hitler-Deutschland gekämpft hatten. So kommt Stalin zu dieser andauernden Ehrung in Wien.

An Trotzki erinnert heute nichts in Wien. Er lebte im Wiener Exil zuerst in Hütteldorf und dann in Sievering von Ende 1907 bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs. Er arbeitete viel, soweit ihm das möglich war. „Was Trotzki in seinen sieben Wiener Jahren an dieser Stadt fasziniert, …: der hohe Rang ihres Kulturlebens, die intensive Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, der Kosmopolitismus der Vielvölkerzentrale und nicht zuletzt das häusliche Glück mit Frau und Kindern, das ihm niemals wieder in solch ruhigem Gleichmaß vergönnt sein wird.“ [2]
Keine Tafel für Trotzki in Wien. Obwohl er in Wien länger und aktiver war als Stalin. Aber eigentlich braucht er diese Tafel auch nicht. Er war glücklich hier und das zählt so viel mehr als später „Tafel-Ruhm“.

Stalin-, Trotzki-Quellen
[1] Aus dem gekürzten Auszug in der Zeit online (18.10.2007 Nr. 43) aus dem Buch „Der junge Stalin“ von Simon Sebag Montefiore, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2007

[2] „Liebe in Wien“ von Dietmar Grieser, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006

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Ein Kommentar zu “Stalin, Trotzki – Wo macht die Revolution Pause?

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