Wiener Flakturm – Schatten der Geschichte im Augarten

„Und der Augarten natürlich ein bisschen Labyrinth. … im Augarten spazierst Du auf und ab und links und rechts immer zwischen diesen undurchdringlichen grünen Wänden, dann biegst du einmal ab, schon wieder die grüne Wand, und nach zwei-, dreihundert Metern weißt du schon nicht mehr, auf welcher Gartenseite du eigentlich bist, Norden, Westen, Süden, tausend Möglichkeiten. Wenn der Brenner geglaubt hat, er kommt bei der Porzellanmanufaktur heraus, ist er beim Kinderschwimmbad gelandet, wenn er geglaubt hat, Jüdische Schule, ist er bei den Sängerknaben herausgekommen, wenn er geglaubt hat, runder Flakturm, war er beim eckigen Flakturm …
„Ist noch weit bis zum Flakturm?“, hat die Magdalena gefragt. Wenn Sie hinausgeschaut hätte, wäre ihr aufgefallen, das er direkt vor ihrer Nase steht.
Du musst wissen, von oben sieht der Flakturm fast wie eine monströse Betonblume aus. Weil ein paar Meter unter dem flachen Bunkerdach zieht sich dieser Sims rund um den Flakturm, diese acht Betonrohren, sprich Abschussrampen für das leichte Flakgeschütz.“ [1]
Und dann bekommt im Krimi von Wolf Haas, der zu einem großen Teil im Augarten spielt, der Bösewicht das, was er verdient. Das „das“ ist ein furioser letzter „Flug“ über alle Sehenswürdigkeiten des Augartens.

Ich liebe den Augarten – diese barocke Portion Grün mit weitem Himmel vor meiner Haustür. Ich habe hier darüber geschrieben (Augarten im Bild, Augarten im Buch). Wenn ich joggend im Park meine Runde ziehe, hefte ich meinen Blick jedoch immer fest auf’s Grüne. Wenn ich im Park Kultur genieße, setze ich mich so, das ich sie nicht sehe – die Flaktürme. Finster, gruselig, schmutziggrau.
„Am 9. September 1942 wurde der Bau von Flaktürmen zum Schutz des Wiener Stadtgebietes von den damaligen Machthabern festgelegt. Architekt aller Flaktürme – auch jener in Deutschland – war der Stadtplaner und Brückenbauer Friedrich Tamms. … Zum Zeitpunkt der Fertigstellung der Wiener Türme war ihr militärischer Wert bereits fraglich, da die mittlerweile hochfliegenden Bomberflotten mit der Flak kaum mehr erreichbar waren. Um so mehr trat ihre Funktion als Luftschutzbauten – „Überlebensinseln“ mit autarker Strom- und Trinkwasserversorgung, Klimaanlage etc. – für tausende Wiener in den Vordergrund.“ [2] Am Umgang mit, also den „Lösungen“ für diese Klötze entzünden sich regelmäßig die Wiener Gemüter.

Dieses Wochenende bekommt einer der Türme im Augarten eine kulturelle Chance – das Kunstprojekt „Vernarbung“ von Rina Grinn und Jana Wisniewski: „Die letzte Wunde, die der Kultur des Parks durch Krieg zugefügt wurde, wird symbolisch durch ein Kunstprojekt vernarben. Der Turm bedeckt sich mit Haut.
Die Realisierung dieser temporären Kunstaktion wird durch Projektion von animierter Fotografie durchgeführt. Fotos von verschiedenen Hautoberflächen wechseln einander in Überblendungen ab. Die Bildprojektionen auf einen der beiden Türme erfolgen von einem gut sichtbaren Punkt unmittelbar vor der Parkmauer und können auf einer relativ weiten Strecke beobachtet werden – ein Beitrag zum Monat der Photographie, Wien, November 2008.“ [3]

Das Bild oben stammt von den Künstlerinnen. Meine eigenen Fotoversuche der Kunstaktion zeichnen leider nur düstere Bilder. Es ist faszinierend, was da am nassen dunklen Augarten-Abendhimmel zu besichtigen ist, heilend aber für mich nicht.

So gibt es verschiedene Versuche, die Türme zu „verarbeiten“. Ich favorisiere den „Jurassic Park-Ansatz“ der Graffitis/Klebekunstwerke am Turm (wilde Affen, Dinosaurier). Alles „sicher“ hinter Gittern.

Flakturm-Quellen;
[1] „wie die tiere“ von Wolf Haas, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 2001

[2] „Die Wiener Flaktürme. Untersuchung zur Klärung der Nutzungsmöglichkeiten.“

[3] Projekt: Vernarbung von Rina Grinn, Monat der Photographie, Nov. 2008, Wien, Flakturm

Mehr: ein Lokalaugenschein: „Der Flakturm im Augarten Einstieg in die Gruft der Wiener „Flugratten“

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7 Kommentare zu “Wiener Flakturm – Schatten der Geschichte im Augarten

  1. Ich fand aber die Installation alles andere, als düster. Ich war aber bei einem anderen Wetter im Augarten. Es hat grotesk und sehr erfrischend gewirkt. Alles in allem ein schöner Anblick!

  2. Sprengversuchen haben sich die Türme widersetzt. Es ist auch gefährlich, in der Nähe sind ein Pensionistenheim und eine Schule und kurz dahinter Wohnhäuser und der Park würde sicher auch leiden. Vielleicht sind die Dinger tatsächlich „Denk“mäler.

  3. Ich verstehe nicht, wie man sich drüber Gedanken macht,
    diese Bauten zu sprengen.
    Diese lassen einen über die Geschichte nachdenken.
    Ich versuche derzeit ein Erlaubnis,
    für die Dreharbeit einer kurzen Filmszene
    auf einer der Flaktürme in Wien zu bekommen.
    Hoffentlich klappt’s.

  4. Weiss jemand ob es eine möglichkeit gibt diesen Turm zu besichtigen. Die anderen Türme interessieren mich nicht, aber dieser übt eine große Faszination auf mich aus.
    Ich gehe davon aus dass man sich in diesem Fall an die Stadtverwaltung wenden muss, und möglichst mit einer größeren Truppe antanzen, aber hat es schonmal jemand geschafft, und wenn ja, wie?

    Vielen Dank

  5. Pingback: Folge 145 – Die Krimikiste stellt vor: Wolf Haas “Wie die Tiere” | krimikiste.com

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