Marie Philippine Müller – Wien, die letzte Hoffnung

 

1737 kommt Marie (1702 – ?) nach Wien und „beginnt … vor dem Reichshofrat in Wien einen Prozess gegen Graf Ludwig Moritz zu Löwenstein-Wertheim. Sie beschuldigt ihn sein Eheversprechen gebrochen zu haben und fordert eine Leibrente.“ [1] Marie ist ein Bürgermädchen aus Wertheim, in der Nähe von Würzburg. Was für ein großer Schritt für eine Frau in der damaligen Zeit. Sonst kamen eher Baumeister (Theodor Hoffmann, Friedrich Schmidt) aus diesen Gegenden nach Wien und hinterließen hier ihre Spuren (der Nordbahnhof, das Rathaus). Die Spur von Marie sind Akten und ein paar blaue Ohranhänger im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien.

Marie hatte eine Affäre mit dem Grafen zu Löwenstein-Wertheim aus der ein Kind, ihre Tochter Louise, hervorgeht. Der Graf kümmert sich um das Kind, ist aber nicht mehr persönlich an Marie interessiert. Zahlt zumindest auch für sie. Als ihr das nicht genug ist (?) oder der Graf nicht mehr regelmäßig zahlt (?), beschwert sie sich und gerät an Joseph Süß Oppenheimer in Stuttgart, der für das Geld des Herzogs Carl Alexander von Württemberg sorgte. Von Oppenheimer „könnten die Ohrgehänge stammen“. [1] Und dieser weißt den Grafen an, für Marie zu zahlen. Doch mit dem Tod des Herzogs von Württemberg ist der Stern von Oppenheimer im Sinken begriffen. Seine Geschichte („Jud Süß“) und sein Tod wird zum Stoff, der durch die Jahrhunderte gegensätzliche Deutungen hervorbringt. Mit diesem Tod muss sich auch Marie Philippine Müller umorientieren. Sie geht nach Wien und versucht ihr Glück mit einem Prozess. Der beklagte Graf stellt Marie dabei als Hure hin – mehr wäre da nicht gewesen. 1740 stirbt er, Marie klagt weiter, nun gegen seine Erben. Das Ende des Prozesses ist nicht belegt.

Die Geschichte von Marie und viel viel mehr europäische Geschichte(n) bewahrt das Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv, „1749 von Maria Theresia …als zentrales Archiv des Hauses Habsburg gegründet“. „Inhaltliche Schwerpunkte:
– die Geschichte des Hauses Habsburg
– die Tätigkeit der obersten Hofämter und des kaiserlichen Kabinetts
– Diplomatie und Außenpolitik der Donaumonarchie
– oberste Verwaltung und Rechtsprechung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, dessen Kaiserwürde die Habsburger Jahrhunderte lang fast ohne Unterbrechung bis zur Auflösung des Reichsverbandes 1806 innehatten.“ [1]
Auch „Herrschafts- und Familienarchive, Nachlässe, eine Handschriftensammlung, eine Sammlung von Siegelabgüssen und -stempeln sowie eine Plan- und Kartensammlung“ [1] liegen dort. In einem prächtigen Archivbau, „vom zweiten Keller bis ins Dach reichende Magazin-Kubaturen, die horizontal durch acht Gitterroste und zwei Betonzwischendecken in elf niedrige Geschoße geteilt sind“ [2], ist Marie nun in bester Gesellschaft, gehegt, gepflegt und klimatisiert. Wandelt sie des Nachts umher, wenn die Luft im Archivtrakt ausgetauscht wird, tapfer auf der Suche nach neuen Gönnern? Wie wäre es mit (den) Kaiser-Franz(-Akten)?

Müller-Quellen:
[1] Für Text und Bilder: Website, Gebäude und Ausstellung zur Langen Nacht der Museen 2008 im Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Details zu den dort bewahrten Unterlagen

[2] wien-vienna.at -> Österreichisches Staatsarchiv, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Das Haus

Staatsarchive in Deutschland -> Landesgeschichte(n) -> „Das Bürgermädchen, der Graf und Jud Süß. Eine Frauengeschichte aus dem 18. Jahrhundert

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s