Josef Plecnik – Wiener Meisterstück

4x Jules Verne – 4 verschiedene Arten von Kandelabern mit vielen Fabelwesen, die ein Treppengeländer halten, stellte der Architekt Josef Plecnik in das Treppenhaus des von ihm geschaffene Zacherlhauses in der Wiener Innenstadt. Die lieb‘ seltsam anzusehnden Wesen wecken Erinnerungen an die Faszination und den leichten Grusel, den tschechische Jules Verne-Filme* von Karel Zeman mit ihrer märchenhaften grafischen Ausstattung bei mir als Kind auslösten.
4 Jahre habe ich das Zacherlhaus – dieses Wiener Architekturjuwel – nicht wahrgenommen, am Tag des offenen Denkmals 2008 habe ich es entdeckt.

Plechnik (1871 – 1957), wie die Mehrheit der hier Porträtierten, hatte keinen privilegierten Start ins Berufsleben und bekam überdies noch Hürden in seinen Weg geworfen. Er übersprang oder umging sie. Als drittes Kind eines Tischlers in Ljubljana geboren, war sein Zeichentalent nicht erwünscht. Eine Tischler-Ausbildung in Graz stand statt dessen auf der Tagesordnung. Dabei lernte er auch die Architektur und den Architektur Prof. Leopold Theyer (Grazer „Ringstraßenversuch“) kennen. Doch bis Plecnik bei dem berühmten Wiener Architekten Otto Wagner anfängt zu studieren, sind noch verschiedene Wege und „Umwege“ für ihn zu gehen. Die Treue zu seinem Zeichentalent lohnt sich, selbst als er das Architekturstudium einmal unterbricht.

Bei Wagner arbeitet er u.a. an Stadtbahn-Haltestellen der heutigen U6 und U4 mit. Und dann kommt eines Tages der Insektenpulverfabrikant Zacherl zu Otto Wagner in’s Büro, lobt einen Wettbewerb für sein Stadtgeschäft/-haus aus und Plecnik gewinnt ihn. Nach Beginn des Hausbaues stagniert aber die Ausführung. Zum Glück lernt Plechnik Zacherl persönlich kennen, sie werden Freunde und das Haus wird gebaut. Es ist eines der ersten Stahlbetonbauten (Untergeschoss, Dachgeschoss) Wiens. And der Außenwand schweben scheinbar Granitplatten, gehalten durch durchgehende Stäbe. Ernst, mit einer „kubisch-blockhaften“ Fassade auf Seiten des Wildbretmarktes und einer „rund-dynamischen“ Seite am Bauernmarkt war das Haus bei der Erbauung (1903 – 1905) vermutlich zu modern für einige Wiener Gemüter, wie eine Karikatur zeigt, in der es Wiens größter Maroni-Ofen genannt wird. Die drei Wohnungen im Haus waren jedenfalls solide 250 qm groß und die Geschäfte ím Erdgeschoss flexibel angelegt. Zwei um das ganze Gebäude umlaufende Stahlbänder (im unteren Bild unter der Figur) trugen Werbeschilder. Die Atlanten, die das Dach stützen, wurden aus Steinzeug für Kanalrohre gefertigt und die Vertäfelung an den Wänden des Treppenhauses ist Parkettboden.

Der Schmuck der Kandelaber im Treppenhaus kann auch als Anspielung auf Zacherls Insektenpulver gesehen werden. Für eine noch größere Anspielung muss der St. Michael an der Fassade herhalten – er wird im Volksmund „Wanzentöter“ genannt.

*Ein Beispiel: Karel Zeman „Fantastic World of Jules Verne“ (1958) Trailer
Plecnik – Quellen:
Die trotz Massenandrang souveräne & geduldige Führung von DI Peter Zacherl am Tag des offenen Denkmals.

Zacherl-Haus in Netxroom des Architekturzentrums Wien inklusive Pläne und Fotos!

Josef Plecnik im Architektenlexion des Architekturzentrums Wien

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