Hannes Lintl – Wiener Hoch-Karussell-Restaurant-Erfinder

Vier Jahre lebe ich Wien. Zeit endlich einmal das weltweit erste drehbare Restaurant zu besuchen, bei dem sich die Fassade mitdreht. Hinauf fahren in den höchsten Stahlbetonturm Europas mit dem schnellsten Express-Aufzug Europas. Diese Rekorde hielt der Wiener Fernsehturm – genannt Donauturm – im Jahr seiner Fertigstellung 1964. Einen Rekord hält er noch immer, er ist mit 252 Metern Höhe Österreichs höchstes Gebäude. Zwar ist auf dem nahen Bisamberg ein Mast noch höher, aber der ist letztlich kein Gebäude.

Der Weg zum Turm-Aufzug ist mit touristischen Hürden gepflastert: grässliche Souvenirs und ein Fotograf, der wie auf der Geisterbahn Fotos von einem machen möchte, bevor man in den Aufzug steigt. Sollen die einer späteren Identifizierung dienen, falls der Turm zusammenbricht?

Nein, er bricht nicht. Dafür sorgten sein Architekt Prof. Hannes Lintl (1924 – 2003), die statistischen Berechnungen von Dr. Krapfenbauer und 500.000 Kilogramm Betonstahl, 3.000 Kubikmeter Beton, in der Turmkopfkonstruktion 100.000 Kilogramm Profilstahl, 32.000 Kilogramm Aluminium sowie 50.000 Kilogramm Stahl für den 81 Meter hohen Stahlrohrmast. [1]
Der Donauturm war eine sehr gute Reklame für Lintl und brachte ihm später Turmbauaufträge in aller Welt.

Das Gebiet des Donauturms hatte eine wechselvolle Geschichte: Zuerst „k.u.k. Militärschießstätte … Nach dem 1. Weltkrieg entstand dort das sogenannte „Bretteldorf“ – eine Art illegales Elendsquartier. Im Jahr 1935 wurde das Grundeigentum vom Stift Klosterneuburg an die Stadt Wien übertragen und auf „Anschüttungsgebiet – Zukünftiges Grünland“ umgewidmet. … Ab 1936 bis 1960 wurden Teile des Geländes als Mülldeponie genutzt. Im Jahr 1960 wurde vom Stadtgartenamt die Idee forciert, auf dem 100 Hektar großen Gelände eine Gartenanlage zu errichten und mit einer Internationalen Gartenschau zu eröffnen. … Die Gartenausstellung wurde … von der Association Internationale des Producteurs de l’Horticulture (AIPH) und … vom Bureau Internationale des Expositions (BIE) anerkannt und genoss daher den Status einer Weltausstellung.“[2] Der Donauturm sollte das Herz der Gartenschau werden – „ein starker Orientierungspunkt“. Der Bau war „der Beginn einer langen Entwicklung, die Wien an die Donau gerückt hat. In den folgenden Jahrzehnten entstanden: die UNO-City, die Donauinsel, die U1, die Copa Kagrana, das Donauzentrum,…“

Irgendwie liegt es aber dem Wiener heutzutage nicht so, den Turm zu besuchen. Als ich Kollegen und Bekannten davon berichtete, gab es mehr verwunderte Blicke als Bekenner die zugaben, da schon einmal gewesen zu sein. Dabei ist es recht lustig mit dem Tisch, dem Essen & dem Trinken im Restaurant auf 170 Metern Höhe in 26 Minuten durch den Wiener Himmel zu sausen. Auch wenn es im Boden dabei manchmal rumpelt und einmal pro Runde draußen ein Seil vorbeikommt – Notausstieg? – ist das ein schöner und interessanter Zeitvertreib. Außerdem wird noch eine offene Aussichtsplattform geboten + Bungee-Jumping-Sprungbrett, sowie einen Café-Ebene hinter Glas. Und für die tapfer Ehrgeizigen gibt es den jährlichen Donauturm-Lauf.

Foto oben: Damit man beim Reden und Drehen im Restaurant nicht die Orientierung verliert, helfen Blick-Wegweiser

Donauturm-Quellen:

[1] Rathauskorrespondenz Wien 1962, 12.10.1962: Bürgermeister Jonas legte Grundstein zum „Donauturm“

[2] Architekturbüro Lintl „Kurze Chronologie zum Donauturm

Alle wichtigen Details für einen Besuch und viele Fotos aus der Geschichte.

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8 Kommentare zu “Hannes Lintl – Wiener Hoch-Karussell-Restaurant-Erfinder

  1. Super Bericht, wie immer mit detaillierter, kreativer Hintergrundrecherche! Besonders gefällt mir die Stelle mit den „touristischen Hürden“, die es zu überwinden gilt!

    Ich habe vor kurzem einen Artikel über den Donauturm im Falter gelesen, in dem es unter anderem auch über die Einstellung der Wiener zum Donauturm geht… ;)

    Als Beispiel dazu die Scherzfrage nach der schönsten Wienansicht (Antwort: vom Donauturm aus, weil man dort den Donauturm nicht sehen kann), http://www.falter.at/web/print/detail.php?id=769

    Viel zu gemein finde ich! Was wäre denn die Wiener „Skyline“ ohne den Donauturm?

  2. Netter Blogeintrag. Er enthält jedoch zwei schwerwiegende Fehler:

    1. Hannes Lintl und seine Leistung in allen Ehren. Jedoch ist er nicht der „Hoch-Karussell-Restaurant-Erfinder“, sondern der Erfinder jener Art von Drehrestaurants (die es vorher auch schon gab), deren Fassade sich mitdrehen. Das war neu damals, diese Leistung geht auf sein Konto.

    2. „… der Wiener Fernsehturm – genannt Donauturm – …“ – Dies ist schlichtweg falsch: Weder heisst dieser Turm „Wiener Fernsehturm“, noch hat er je so geheissen. Er wurde und wird daher nicht Donauturm „genannt“ – er heisst Donauturm, das war und ist sein Name. Er wird bestenfalls von unkundigen Personen mit Namen „Wiener Fernsehturm“, „A1-Turm“ (anderswo im Netz zu finden), etc. belegt.

    Fälschlicherweise wird dabei als A1-Turm abgeleitet vom A1-Logo, das sich eine Zeitlang auf der Spitze des Donauturms befand und ein Nachfolger des früher an dieser Stelle befindlichen Logos von Schwechater war (seit mind. 2008 nicht mehr vorhanden).

    Analog wie fast ganz oben auf der Spitze des Donauturms sich seit jeher das Bankenlogo der Zentralsparkasse (das „Z“) und deren Nachfolgenamen durch Umbenennungen im Zuge von Konzernänderungen, als da seit 1998 als Logo auf der Spitze die „Rote Welle“ der Bank Austria war und seit 2008 das neue Logo der UniCredit für die nunmehrige „UniCredit Bank Austria“.

    Dass seit jeher und immer noch das Bankenlogo der UniCredit Bank Austria vormalig Bank Austria vormalig Z – Zentralsparkassa, und früher das Schwechater-Logo an der Spitze des Donauturms montiert waren bzw. noch ist, hängt ganz offensichtlich mit den Eigentumverhältnissen des Donauturms zusammen: Zu 95% gehört der Donauturm samt Grundstück über die Eigentums- bzw. die Betreibergesellschaften der früheren Zentralsparkasse und ihrer Nachfolgeunternehmen (in letzter Konsequenz ausgelagert über eine Immobiliengesellschaft in einer Privatstiftung, die ihr Immobilienpaket seit 2008 abzustossen versucht, damit auch den Donauturm); die weiteren 5% hält die Brau Union AG, in die die frühere Brauerei Schwechater als Donauturm-Miteigentümerin, aufgegangen ist.

    • Vielen Dank für die interessanten und spannenden (besonders Teil 2) Informationen und damit Ergänzungen!

      Ich finde – als Zugereiste – das der Name Donauturm so harmlos klingt, fast glaubt man an den Teil einer Ritterburg an der Donau. Deshalb nutz‘ ich das Wort „Fernsehturm“ als ehrende Anerkennung :-)

  3. Hallo Frau Hexelschneider,

    lassen sie sich nicht durch sprachseparatistische Österreicher ins Boxhorn jagen, die den Begriff als teutonisch ablehnen und gleich persönlich getroffen reagieren. Selbstverständlich ist der Donauturm ein Fernsehturm. Ihn als „Wiener Fernsehturm“ zu beschreiben ist damit nicht falsch. „Donauturm“ ist der Name des in Wien stehenden Fernsehturms. Was für ein Fernsehturm? Ah ja: der Wiener Fernsehturm.

    Ein Fernsehturm ist ein architektonisch/ bautechnischer Gattungsbegriff, der spezielle Tüme beschreibt, die meist aus Stahlbeton bestehen, einen Turmkorb beherbergen auf deren Dach ein Antennenmast und eventuell weitere technische Gerätschaften montiert werden. Dabei hat sich der Nutzen von Fernsehtürmen in den letzten Jahren gewandelt. Mitnichten ist es zwingend, dass Fernsehtürme unbedingt Signale für Fernsehprogramme aussenden. Der Stuttgarter Fernsehturm strahlt z.B. seit Jahren nur noch Rundfunkprogramme aus. Auch gibt es Fernsehtürme, wie den Stratosphere Tower in Las Vegas, der nur als Aussichts- und Vergüngungsturm (mit Achterbahnen am Turmkorb u.ä.) dient. Trotzdem werden all diese Türme als Fernsehturm bezeichnet.

    Der irrationale Beitrag von Claudia kommt wohl daher, dass derzeit auf Wikipedia

    http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Donauturm

    eine unsäglich dümmliche Diskussion darüber am Laufen gehalten wird, deren Ziel es ist, den Begriff Fernsehturm aus dem Artikel zu bannen.

    Also nichts für ungut und viele Grüße

    • Hallo Herr Sojka,
      danke für diese Hintergründe :-)

      So viel Leidenschaft für dieses Gebäude, wer hätte das gedacht. Wenn frau/mann ihn besucht, ist nichts davon zu spüren ;-D

      • Diese Leidenschaft bezieht sich wohl auch mehr auf die Abgrenzungstendenzen der Österreicher gegenüber den Deutschen. Die Österreicher reden nämlich kein Deutsch sondern Österreichisches Deutsch. Um diesen Umstand zu untermauern wird auch und gerade in akademischen Kreisen an österreichischen Wörterbüchern gebastelt um vorzeigbare Druckwerke zu haben und die Sprachseparation zu legitimieren. Diese in meinen Augen irrationale Überabgrenzung von allem was auch nur den Hauch des „bundesdeutschen“ hat – wozu eben auch das eigentlich harmlose Wörtchen Fernsehturm zählt – ist der Grund für diese „Leidenschaft“. Zum Glück sind allerdings, und da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen, nicht alle Österreicher so gepolt wie der hier beschriebene Menschenschlag. Die meisten lachen nur über derartiges – und das ganz zurecht :-)

  4. Jaja, Wladyslaw und die österreichischen Separatisten. Sobald sie schreiben, sollen sie Jänner vermeiden, da es Dialekt ist und in bestimmten Bereichen quasi gezwungen werden Januar verwenden, also Deutsch wie in Deutschland zu schreiben. Und sie haben zur Kenntnis zu nehmen, dass sie einen Fernsehturm ohne Fernsehsignal haben. Das Österreichische Wörterbuch ist ja auch nichts neues. Das gibt es ja schon seit 1951. Wladyslaw will ja nur, dass wir nur den Duden verwenden in dem mehr süddeutsches als norddeutsches extra markiert ist. Ein mitteldeutscher Dialekt für alle. Die historische Entwicklung gibt es am besten bei Bundesdeutsches Hochdeutsch. (Wobei ich mit dem zusammengewürfelten Sammelartikel hadere.)

    Wenn alle den Donauturm als Wiener Fernsehturm bezeichnen ohne darauf hinzuweisen, dass dies alleine als architektonische Kategorie gemeint ist (was er unterließ und auch im verlinkten Artikel nicht klar machte, und wenn es jemand machte am Anfang immer revertierte), dann muss man den Leuten immer wieder erklären, dass sie ihre Fernsehantenne nicht dorthin ausrichten sollen, weil das nichts bringt, sondern zum Sender Kahlenberg, wo das Fernsehsignal und ORF-UKW-Radio seit den monopolistischen Zeiten in den 1950ern wirklich herkommt. Von einem abgespannten Rohrmasten.

    Es gibt Menschen (zB Nachrichtentechniker), die verwenden den Begriff Fernsehturm auch anders. Für jeden Turm (mit oder ohne Turmkorb), der Fernsehsignale aussendet.

    Der Donauturm ist einer der wenigen dieser Türme, die nur als Landmarke, Fortschrittsdenkmal und Aussichtsturm gebaut wurden und ohne nachrichtentechnische Notwendigkeit. Er ist deshalb auch einer der wenigen (zumindest im Mitteleuropäischen Raum), der keinem Fernsehsender, keinem Telekommunikationsunternehmen, keiner Stadt direkt, oder ähnlichem gehört. Beim Skylon Tower
    http://de.wikipedia.org/wiki/Skylon_Tower
    ist Wladyslaw ja auch so gnädig nur „Aussichtsturm“ zu lassen. Gut, der ist unter 200m und nicht für die Liste der höchsten Türme verwendbar. Im Gegensatz zum Stratosphere Tower. Halt! Ich sehe gerade, dass Wladyslaw selbst dort Aussichtsturm eingetragen hat und nicht Fernsehturm. Das soll einer verstehen. Und beim Donauturm revertiert er zwei Monate später beharrlich. Also entweder bestand er drauf, weil es ein österreichischer Turm ist und er ihre separatistischen Tendenzen nicht will oder weil jemand den Begriff nicht wollte und er Spaß daran hat. Keine Ahnung ich werde immer ratloser.

    Was ein Turm einmal war und was er jetzt macht, spiegelt sich meist nur sehr sehr langsam in einer veränderten Bezeichnung wieder, wie bei den meisten Geographischen Objekten. So ist halt Stuttgart ein Fernsehturm und Wien ein Aussichtsturm.

    Im Gegensatz zum flacheren Deutschland haben wir solche Türme im gebirgigen Österreich selten. Es gibt gerade noch 4 Fernmeldetürme/Richtfunkstationen.

    Modern war der Donauturm in den 1960ern und 1970ern. Dann schlief es etwas ein. 2005 steht er aber unter den Top-10 der Wiener Touristenattraktionen. Ich war, naja, etwa sieben Mal oder öfter schon oben. Von ganz klein, als ich über noch nicht über die 130cm hohe Brüstung sehen konnte und auf die Kinderterrasse darüber musste, wo ich aber nicht senkrecht hinunterschauen konnte. bis etwa vor 2 Jahren. Jedes mal mit irgendjemanden aus dem Ausland oder den Bundesländern. Halt! Ein Mal war es die Firmung meines Schulfreundes. Die neue Einrichtung vom Kaffee kenne ich bis jetzt nur als Virtual Reality, das wurde das letzte mal gerade umgebaut.

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