Adalbert Stifter- Sonnenfinsternis, dunkle Stille über Wien

Adalbert Stifter Sonnenfinsternis Wien

Warum finden Sonnenfinsternisse gefühlt immer werktags statt, wenn wir fern der Natur im Büro sitzen und arbeiten? Vermutlich ein Trick der Sonne – nur ihr ergebene wissende Anbeter dürfen sich um sie scharen, statt sensationshaschender Menschen, die sich nicht mal an ihr eines Jahr Astronomie-Unterricht in der Schule erinnern können. Oder um es jenen schwerer zu machen, die weder gut fotografieren noch elegisch tief genug über sie schreiben können.
Die Hürden sind hoch, die Sonne würdigen zu dürfen. Es braucht zuerst einmal eine Sonnenfinsternis, am besten eine totale. Einen berühmten Ort mit dem geeigneten Fluidum. Plus Zeit. Dazu Sachverstand und eine kühne Stimme/Pinsel/Fotoapparat. 3:39 Minuten hätte ein so prädestinierter Mensch am 2. August 1133 in Wien haben können. Wo sind seine Zeugnisse? Nur 2:01 Minuten hatte der Schriftsteller, Maler, Pädagoge Adalbert Stifter am 8. Juli 1842 in Wien zur Verfügung.

„Ich stieg um 5 Uhr auf die Warte des Hauses Nr. 495 in der Stadt, von wo aus man die Übersicht nicht nur über die ganze Stadt hat, sondern auch über das Land um dieselbe, bis zum fernsten Horizonte, an dem die ungarischen Berge wie zarte Luftbilder dämmern.
… über die Brücke wimmelte das Fahren und Reiten wie sonst, sie ahneten nicht, daß indessen oben der Balsam des Lebens, Licht, heimlich versiege, dennoch draußen an dem Kahlengebirge und jenseits des Schlosses Belvedere war es schon, als schliche eine Finsternis oder vielmehr ein bleigraues Licht, wie ein wildes Tier heran
… ein einstimmiges „Ah“ aus aller Munde, und dann Totenstille, es war der Moment, da Gott redete und die Menschen horchten.
… Nie, nie werde ich jene zwei Minuten vergessen – es war die Ohnmacht eines Riesenkörpers, unserer Erde.
… Ich habe immer die alten Beschreibungen von Sonnenfinsternissen für übertrieben gehalten, so wie vielleicht in späterer Zeit diese für übertrieben wird gehalten werden; aber alle, so wie diese, sind weit hinter der Wahrheit zurück.
… Ich weiß, daß ich nie, weder von Musik noch Dichtkunst, noch von irgendeiner Naturerscheinung oder Kunst so ergriffen und erschüttert worden war – freilich bin ich seit Kindheitstagen viel, ich möchte fast sagen, ausschließlich mit der Natur umgegangen und habe mein Herz an ihre Sprache gewöhnt und liebe diese Sprache, vielleicht einseitiger, als es gut ist; aber denke, es kann kein Herz geben, dem nicht diese Erscheinung einen unverlöschlichen Eindruck zurückgelassen habe.“ [1]

Kann also vielleicht doch niemand angemessen schildern, was da passiert?
2:54 dauert die nächste totale Sonnenfinsternis, die man in Wien beobachten könnte. Am 3. September 2081. Wie werden die Zeugnisse dieses Schauspiels aussehen?

Foto: Tafel am Wiener Stifter-Wohnhaus Seitenstettengasse Ecke Judengasse. Adalbert Stifter lebte von 1805 bis 1868.

Stifter-Quellen:
[1] Der Text „Die Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842“ von Adalber Stifter in „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“ Juli 1842

Tabelle „Die Dauer in Minuten und Sekunden totaler Sonnenfinsternis in Österreich, welche auch von Wien aus gesehen werden können im Zeitraum 1000 bis 2500“

Stifter-Porträt

Foto der letzten totalen Sonnenfinsternis über Österreich

Ein Kommentar zu “Adalbert Stifter- Sonnenfinsternis, dunkle Stille über Wien

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