Veza Canetti – Am Himmel nicht im Himmel

Der Himmel über Wien ist ein prominenter Ballungsraum. Der Himmel allgemein und auch die himmelwärts führende Himmelstraße in Grinzing, benannt nach einem gleichnamigen ehemaligen Gasthaus. In dieser Gegend entdeckte Sigmund Freud den Traum und und seine Deutung als Instrument für seine Arbeit. Hier, in dieser Straße in der Nummer 30, wohnten von 1935 bis 1938 Veza Canetti (1897 – 1963) und Elias Canetti. Ließ Veza Canetti auch „Briefpaper drucken mit der Adresse „Am Himmel 30“ [1], gedacht zuerst als ein „Heilungsritual“ für ihren an „Der Blendung“schreibenden Mann, so waren die Zeiten in dieser Idylle Wiens nicht mehr lange himmlisch. Wie sie in ihrem Roman „Die Schildkröten“ zeigt:
„Der Roman beginnt damit, daß die Hauptfigur Eva auf dem Nachhausweg von der Stadt den Berg hinaufsteigt. Ihr Weg führt durch einen Villenpark zum Einlaßtor des heimischen Gartens: Gesenkten Hauptes bohrte sie “den Blick in die Erde, als suche sie auf dem Boden“. Hinter dem Gartengitter wachsen Apfelbäume und wildes Gebüsch inmitten von Statuen heiterer Nymphen und eines lächelnden Fauns, der Brunnenfigur einer tanzenden Venus und sogar eines heiligen Florian, der vor dem Feuer, nicht aber vor der kommenden Vetreibung der Bewohner aus ihrem Paradies schützt. Von draußen her haben sich längst die wuchernden Schatten der Uniformen und Fahnen darübergelegt. Ihre Farben und Runen verkünden das Kreuz, das den Juden bereitet wird. Der verschlossene Garten, Ort für anmutiges Beisammensein und heiter-melancholische Gespräche, der das biblische Eden evoziert, hat sich in ein Gefängnis verwandelt.„ [2]

Zusätzlich dazu dürfte auch die Ehe mit Elias Canetti nicht nur himmlisch gewesen sein. Was wirklich passiert ist, lässt sich nur teilweise belegen. Die Möglichkeiten, die Deutungen liegen zwischen Elias Cannettis Gräuel vor bürgerlichen Lebensverhältnissen („Drum nimmt er sich mehrere Frauen und weist jeder die Rolle eines anderen Familienmitglieds zu. Diese ist Mutter, jene Schwester, die dritte Tochter. Jede hält sich außerdem auch für die Frau.“ [3]) und den Umständen des Verschwindens von Veza Canetti als Schriftstellerin und der Rolle von Elias Canetti dabei.

„Mütterlicherseits stammt Veza Canetti, geborene Venetia Taubner-Calderon, aus einer Familie jüdische Spaniolen Bosniens und väterlicherseits von ungarischen Juden ab.“ [4] Als ihr Vater stirbt heiratet die Mutter „einen Patriarchen, der Mutter und Tochter, die er im Privatbereich missachtete, denen er das Leben schwer machte, der sein Geld bündelweise versteckte und auf der Straße betteln gegangen ist.“ [5] Veza bildet sich im Selbststudium fort und arbeitet als Englischlehrerin. Im April 1924 begegnet der 27jährigen Veza der 19jährige Elias in einer Vorlesung von Karl Kraus. Veza Canetti beginnt Anfang der 30er Jahre in Zeitungen, z.B. der Arbeiter-Zeitung von Viktor Adler zu schreiben. Sie muss wegen des latenten Antisemitismus neben ihrem Namen auch Pseudonyme verwenden. Eines ist Veza Magd. Elias Canetti wird dazu im Vorwort zu Vezas Roman „Die gelbe Straße“, der 1992 fast 30 Jahre nach ihrem Tod (!) erscheint, schreiben:“Eine Dienerin, die es aus Liebe für die war, denen sie diente, stellte sie so hoch, daß sie für ihre Schriften als Pseudonym Veza Magd wählte.“[6] Nach 1934 findet sie keine Publikationsmöglichkeiten.
Die Canettis emigrieren über Paris nach London. Veza schreibt weiter, aber neue kleine Chancen für Veröffentlichungen erfüllen sich nicht mehr. 1956 soll sie viele ihrer Manuskripte vernichtet haben.
Bis zu ihrem Tod in London verdient sie Geld mit Handelskorrespondenz und Sprachunterricht. Und sie kümmert sich um den Briefverkehr ihres Mannes. Unter anderem schrieb sie auch, als das Vorwort von Erich Fried für einen Sammelband ihres Mannes ewig nicht kam, dessen Text unter seinem Namen, den Fried dann nur überarbeitete.[7]
Erst ab Ende der 90er Jahre werden ihre Werke vom Hanser-Verlag verlegt. Ihr Theaterstück „Der Oger“ wird posthum uraufgeführt.

Veza Canettis geschriebene „Galerie von Frauengestalten, die zwischen Tradition und Moderne, zwischen einer patriarchalischen Weiblichkeit und eines modernen emanzipierten Frauseins schwanken, findet eine vollkommene Entsprechung in der Autorin selbst. Veza Canetti ist tatsächlich eine emanzipierte Frau, die die Weiblichkeit und ihre sozialen Problemen durch das Schreiben mitgeteilt hat, aber sie ist gleichzeitig auch eine traditionelle Frau, die ihre Zeit und ihre Liebe ihrem Mann immer gewidmet hat, und die das Bild der männlichen Imagination widerspiegelt. Sie entspricht der perfekten Kombination von Alt und Neu.“ [2]

Sie ist eine österreichische Schriftstellerin und eine der spannenden Wiener Frauen der Vergangenheit.

Canetti-Quellen:
[1] „Der Prophet Elias. Canettis Selbstinszenierungen“ von Michael Rohrwasser in literaturkritik.de, Nr. 7, Juli 2005 „Schwerpunkt zum 100. Geburtstag Elias Canettis“

[2] „Die Schildkröten von Veza Canetti: Roman der Verfolgung und des Realismus“ von Mag. Ester Saletta auf der Website der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft

[3] „Der Mann, der mit Menschen kegelte. Aus Anlass des hundertsten Geburtstages: Wie es Elias Canetti gelang, mit Frauen nicht zusammen-zuleben“ von Sven Hanuschek in „Die Welt“ vom 23. Juli 2005

[4] Veza Canetti-Biografie in exil-archiv.de

[5] Nachwort von Angelika Schedel zu „Der Fund“ von Veza Cannetti, Carl Hanser Verlag München 2001

[6] Vorwort von Elias Canetti zu „Die gelbe Straße“ von Veza Canetti, Carl Hanser Verlag München 1992

[7] „Vita Veza Canetti “ von Angelika Schedel in „Veza Canetti“, herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, Text und Kritik H. 156, edition text + kritik in Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG München Oktober 2007

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