Lise Meitner – Durch die Hintertür ins Licht

Wien Akademisches GymnasiumEs gibt diese verschiedenen Wege für eine Frau von heute, wenn sie es (immer noch) schwer hat, weil sie eine Frau ist: Aufgeben. Sich beschweren. Gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen. Unbeirrt von allem ihr Ziel verfolgen. Gern würde ich unbeirrt meinem Ziel folgen, jedoch gelingt mir das zu selten. Deshalb interessiere ich mich besonders für Frauen, die „einfach“ ihren Weg gehen.

Lise Meitner Wien Gedenktafel Akademisches Gymnasium
An einem Sonntag im letzten Winter, war ich auf dem Weg zu einer Ausstellung in das Belvedere, als mir unterwegs ein Schulgebäude mit vielen Gedenktafeln auffiel. Schon die Tafeln sprechen eine deutliche Mann | Frau – Sprache. Die Jungens Altenberg, Beer-Hofmann, von Hofmannstal und Schnitzler waren Schüler des Akademischen Gymnasiums am Beethovenplatz. Ihrer gedenkt die Österreichische Gesellschaft für Literatur. Dann ist da noch eine Tafel auf der, vermutlich die Schule, Lise Meitner gedenkt. Die Atomphysikerin Meitner (1878 – 1968) maturierte dort 1901 als externe Schülerin unter strengen Anforderungen, denn das Mädchengymnasium in der Rahlgasse, eröffnet 1906, kam für sie zu spät.

Doch sie ging den Weg – unbeirrt von allem das Ziel verfolgen. Nach der „frauengerechten“ Ausbildung zur Französischlehrerin begann sie an der Universität Wien Mathematik und Physik zu studieren und schloss als zweite Wiener Physikerin mit der Promotion ab. Danach wandte sie sich nach Berlin, angezogen von Max Planck. Frauen waren an der Universität noch nicht zugelassen. Ihr später langjähriger Forschungsgefährte Otto Hahn setzte sich aber für sie ein. Das Ergebnis war die Zusage eines Universitätsprofessors:“Wenn sie im Keller bleibt und niemals das Institut betritt, soll’s mir recht sein.“ [1] Ein separater Eingang und die Toilette in einer nahe gelegenen Gastwirtschaft. Keine samstäglichen Kaffeehausbesuche mit den Kollegen, Vorlesungsbesuche nur heimlich in der letzten Bankreihe. Aber „Zerfallsprodukte wie Actinium C und Thorium“, die Entdeckung von Protactinium, „Nachweis, dass Gammastrahlen erst nach der Kernumwandlung auftreten“, „Die Bedeutung der Radioaktivität für kosmische Prozesse“. Dann kommt der Nationalsozialismus an die Macht. Meitner, als Jüdin, kann noch bleiben, rechtelos. Doch nach dem Anschluss Österreichs bleibt ihr, knapp 60jährig, nur die Flucht. Sie forscht weiter. Zu Silvester 1938 die Idee:“Die bei der Uranspaltung „verschwundene“ Masse ist nichts anderes als freigesetzte Energie.“ [1]

Kein Nobelpreis. Sie forscht weiter. Immerhin zahlreiche internationale Ehrungen, 1947 erste Preisträgerin des Wiener Preises für Naturwissenschaften und 1950 wird sie „korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (als erste und einzige Frau“ damals). [2]
Vor knapp 50 Jahren wurde sie Wiener Ehrenbürgerin. Sie ist ihr ganzes Leben lang ausdauernd unbeirrt in’s Licht der Erkenntnis gelaufen und da steht sie heute sichtbar in Wien. In einer Inszenierung der Wiener Foto- und Performancekünstlerin Irene Andresser, die 11 starke Wiener Frauen in die Gegenwart holt, u.a. Meitner und Schütte-Lihotzky. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ So etwas gilt das nicht nur für Faust, sondern auch für Frauen in unbeirrbarer Bewegung.

Fotos:
Oben: Akademisches Gymnasium, ältestes Gymnasium Wiens, Architekt des Gebäudes am Beethovenplatz war Friedrich Schmidt, Architekt des Wiener Rathauses, Mitte – Gedenktafel am Gymnasium.
Unten: Meitner-Foto & Inszenierung von Irene Andresser im Rahmen von Irene Andessner – Citylights [Wiener Frauen].

Meitner-Quellen:
[1] „Heimat bist Du grosser Töchter. Österreicherinnen im Laufe der Jahrhunderte.“ von Renate Wagner. Edition S, Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1992
[2] „Wien im Rückblick – Oktober 1958
Irene Andessner – Citylights [Wiener Frauen]“ Eine Fotoportraitserie im Wiener Stadtraum, 3. Juli bis 3. September 2008

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s