Fritz Wotruba – 152 Betonblöcke über Wien

Wien Wotruba Kirche Georgenberg aussen„Sie hatte das Gebäude auf einem Spaziergang entdeckt, nachdem sie mit Carl in der Wotrubakirche gewesen war, jener grandiosen Umwandlung einer Skulptur in ein Gotteshaus, welches am äußeren Zipfel einer Stadtrandgegend namens Mauer gelegen war und sich aus einer Anhöhe werkzeugartig herausschraubte.

Soeben war der Gottesdienst zu Ende gegangen, und ein Teil der Leute strömte aus der Kirche, Sporträdern und Joggingschuhen entgegen, während kleinere Gruppen im Inneren verblieben waren und die Akustik des Raumes auf die Probe stellten. … Natürlich war Anna ungerecht gegen diese Leute, die sie ja nicht kannte und die da in geselligen Gruppen beisammenstanden und halt ein wenig laut waren. Und ein wenig respektlos gegen das Licht, das zwischen den mächtigen Betonkuben ins Innere strömte und dem schweren Bau etwas Schwebendes verlieh, etwas von einer fliegenden Orgel oder einem fliegenden Mammut. …“[1]
Wien Wotruba Kirche Georgenberg innen
Die Wotrubakirche, die Treppe hinauf zur Kirche und eines der wundervoll verwunschenen alten Häuser in ihrer Umgebung spielen mit in einem der besten & skurrilsten Wiener Krimis – „Ein dickes Fell“ von Heinrich Steinfest. Für eine ideale Kirchen-Besichtigung sollte man zuerst dieses Buch lesen und dann die Website der Kirche, danach die Kirche besuchen und zum Abschluß in den Heurigen Zahel am Maurer Hauptplatz einkehren. Ein perfekter Ausflug für alle Sinne zu einem Wiener Kunstwerk.

Wotruba (1907-1975) wurde in Wien geboren, machte eine Ausbildung zum Graveur, studierte an der Akademie der bildenden Künste, emigrierte von 1938-45 und lehrte danach wieder in Wien. Er „ist sowohl bereits für die Zeit der Dreißiger Jahre als auch dann vor allem nach dem Krieg Österreichs wichtigster Bildhauer des 20. Jahrhunderts.“ [2] Und „hatte sich … über Jahrzehnte den Ruf erarbeitet, gemeinsam mit Henry Moore oder Alberto Giacometti ein „Klassiker“ der modernen Plastik zu sein.“ [3]

Sein Ziel beim Entwurf der Kirche war:“Etwas gestalten, das zeigt, das Armut nicht hässlich sein muss, dass Entsagen in einer Umgebung sein kann, die trotz größter Einfachheit schön ist und auch glücklich macht“. [4] Von der Idee Wotrubas bis zur Einweihung der Kirche vergingen dann noch zwölf Jahre. Bei der Umsetzung der Idee half der Architekt Fritz Mayr.

Wenn man sich heute die Kirche ansieht, fasziniert die optische Leichtigkeit der 4.000 Tonnen Beton. Dieser Beton, diese Blöcke formen sich in- und außerhalb der Kirche zu unendlich vielen Kreuzen. Eine Spielwiese für Gedanken und für Architekturfotos.
Ganz nebenbei außerdem ein passend mystischer Ort für Wiener Krimi-Akteure. Musste der dritte Mann für die spannendsten Momente noch unter die Erde, bietet heute Wien reichlich überirdische Kulissen für Atemlosigkeit in jedem Krimi-Genre.

Wotruba-Quellen:
[1]„Ein dickes Fell“von Heinrich Steinfest. Piper Verlag, München, Zürich 2006

[2] Website Fritz Wotruba Privatstiftung http://www.wotruba.at/de/index.asp

[3] „Wotruba-Kirche feierte 30. Jubiläum“ ORF 22.10.2006

[4] Website Rektoratskirche am Georgenberg

Porträt Fritz Wotruba

Video über die Kirche

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