Ein armer Spielmann – Vor Blum

Wien Tor Augarten zu Taborstrasse Illustration zu Der arme Soielmann von Franz GrillparzerWas geschah bevor Robert Blum im November 1848 in der Brigittenau erschossen wurde?
Die Erzählung „Der arme Spielmann“ von Franz Grillparzer beantwortet diese Frage direkt und auch indirekt. Erzählt wird in ihr der Lebensweg des Spielmannes – vom Sohn aus gutem Hause zum „gesellschaftlichen und künstlerischen Außenseiter, der eine neue Form von Menschen- und Künstlertum vorlebte“. Die Geschichte erzählt mehrere Geschichten. Eine ist die Schilderung des Vormärz in Wien. Sie zeigt das Leben in der Stadt, bevor Revolution war, bevor Robert Blum hierher kam.

Grillparzers Erzählung hat literarische Zeitgenossen und Nachfolger stark beeindruckt – von Stifter über Kafka bis zu Thomas Mann. Sie beginnt mit einer Wortmacht, das es einem beim Lesen fast den Atem verschlägt und man staunend in diesen dichten Bilderbogen eintaucht:

In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können sie es nur in ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine Möglichkeit der Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine.
An diesem Tage feiert die mit dem Augarten, der Leopoldstadt, dem Prater in ununterbrochener Lustreihe zusammenhängende Brigittenau ihre Kirchweihe. Von Brigittenkirchtag zu Brigittenkirchtag zählt seine guten Tage das arbeitende Volk. Lange erwartet, erscheint endlich das saturnalische Fest. Da entsteht Aufruhr in der gutmütig ruhigen Stadt. Eine wogende Menge erfüllt die Straßen. Geräusch von Fußtritten, Gemurmel von Sprechenden, das hie und da ein lauter Ausruf durchzuckt. Der Unterschied der Stände ist verschwunden;
Bürger und Soldat teilt die Bewegung. An den Toren der Stadt wächst der Drang. Genommen, verloren und wiedergenommen, ist endlich der Ausgang erkämpft. Aber die Donaubrücke bietet neue Schwierigkeiten. Auch hier siegreich, ziehen endlich zwei Ströme, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks, sich kreuzend quer unter- und übereinander, die Donau ihrem alten Flußbette nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender Überschwemmung. Ein neu Hinzugekommener fände die Zeichen bedenklich. Es ist aber der Aufruhr der Freude, die Losgebundenheit der Lust. …“ [1]

Zur damaligen Zeit war die Brigittenau ein Auengebiet zwischen Donaukanal und Donau. Die Wiener nutzten sie für Ausflüge und Vergnügungen, z.B. in den Unterhaltungslokalen Colosseum und Universum. Zum Colosseum fuhr 1840 – 1842 sogar eine Pferdebahn. Das „erste Wiener Massenverkehrsmittel“. [2] Der „Augarten“ ist heute ein letzter, allerdings trockener Rest.
Der Brigittenkirtag war das Sommerfest „aller Stände der Wiener Bevölkerung“. Jeweils Ende Juli fand er statt und zog von 1775 bis 1842 bis zu 80.000 Besuchern an – so wie es Grillparzer im furiosen Auftakt der Geschichte schildert. „Der Brigittenkirchtag wurde in der damaligen Presse mehrfach erwähnt und geriet zum geradezu dithyrambisch gefeierten Feuilleton-Gegenstand. Man sah ihn als „Nationalfest“, bei dem die Einheit der Bürgerschaft über die sozialen Schranken hinweg sich manifestiere: ein egalitäres Bürgerfest.“
Dann begann der Niedergang des Festes. Und nach 1848 wurde das Fest ohnehin verboten.
Die Spielmanngasse kündet als nüchterner Erinnerungsort vom vergangenen Fest.

Grillparzer hatte die Erzählung Mitte Februar 1831 begonnen, unter dem Eindruck der Juli-Revolution 1830 in Frankreich; er schrieb weitere wesentliche Teile 1842 – 44 und sandte sie Ende 1846 seinem Verleger. Dieser nahm sie in ein Almanach für das Jahr 1848 auf.
So ist der „Lebenslauf des Spielmannes, der Zusammenhang zwischen Leben und Tod, auch als ein Hinweisen auf die Ereignisse 1830 und 1848 deutbar“.
Wenn von einem „saturnalischen Fest“ die Rede ist, wirkt das seltsam, denn Feste zu Ehren des Gottes Saturn finden am 17. Dezember statt. Man kann diese Beschreibung auch als Hinweis auf Saturn „als Zeichen für Revolution“ lesen. Und die „geschwollnere Woge des Volks“ als „politische Metapher“.
Endlich, wie denn in dieser Welt jedes noch so hartnäckige Stehenbleiben doch nur ein unvermerktes Weiterrücken ist, erscheint auch diesem status quo ein Hoffnungsstrahl.“ „Grillparzer formuliert hier in einer Sentenz ein geschichtliches Prinzip: die Entwicklung, die Progression als das Wesen der Geschichte. Zwar kann es scheinbar Stillstand für den einzelnen geben, jedoch nicht für das Ganze … Das Einzelne und das Ganze sind in Wahrheit in einem ständigen Werden begriffen.“ Vom Spielmann zur Gegenwart, von Blum zur Gegenwart.

Foto – ein Teil des Tores vom Filmarchiv Austria im Augarten in Richtung Taborstraße, als Illustration des Satzes aus der Erzählung: „In die Nähe des kleinen Türchens gekommen, das aus dem Augarten nach der Taborstraße führt, hörte ich plötzlich den bekannten Ton der alten Violine wieder.“ In dem der Erzähler [Grillparzer] den Spielmann, den er im Gedränge des Kirtages verloren hatte, wiederfindet.

Spielmann-Quellen:
[1] „Der arme Spielmann“ von Franz Grillparzer, Text in Projekt Gutenberg-DE
[2] „Bezirksmuseum Brigittenau“ von Roland Herold, Wiener Geschichtsblätter Beiheft 5/2003, Verein für Geschichte der Stadt Wien
Alle weiteren wörtlichen und inhaltlichen Zitate stammen aus den wunderbaren, nach der Lektüre der Erzählung sehr zu empfehlenden „Erläuterungen und Dokumente. Franz Grillparzer. Der arme Spielmann.“ herausgegeben von Helmut Bachmaier, Philipp Reclam Jun., Stuttgart, 1986

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