Robert Blum – „Freiheitsheiland“

Wien Robert Blum Sein Schicksal – ein deutsches Idol und ein vergessenes deutsches Idol.

Robert Blum (1807 – 1848) war für mich bisher eine ferne revolutionäre Gestalt aus dem Geschichtsunterricht, der viel zu viel Langeweile in der Schule bedeutete. Also erledigen wir ihn, vergessen wir ihn.
Groß war meine Überraschung, das er ausgerechnet in meinem Wiener Heimat-Bezirk – der Brigittenau – starb. Umgebracht wurde. An einem dieser geschichtsträchtigen 9. November.

Vielleicht sollte man sich Geschichte selbst beibringen, um Spaß daran zu haben. Denn neugierig geworden, habe ich einen interessanteren Robert Blum kennen gelernt. Einen, der nicht nur „einer der führenden Köpfe der radikal-liberalen sächsischen Opposition“ war. Und nicht nur „der Sprecher der republikanischen Linken und Vizepräsident“ im 1848er „Vorparlament“ in Frankfurt am Main war. [1]

Er war ein Mann, der sich in’s Leben stürzte, es von allen Seiten ausprobierte. Eine Kerze, die von beiden Seiten brannte.

1807 wurde Blum in Köln in ärmliche Verhältnisse hineingeboren. Kann aus finanziellen Gründen die Schule, die er gern besucht, nicht beenden und muss in die Lehre gehen. Er hält durch, wiewohl er diese Arbeit nicht mag. Auf Wanderschaft fängt er an zu schreiben und wird in Berlin vom geistigen Leben angesteckt. So führt Robert Blums Weg mitten da hinein – als Theaterdiener am Stadttheater Köln im Jahr 1830. Er beginnt mit viel Charme die Frauen zu entdecken. Dichtet & schreibt. Seine Literatur ist „die Literatur eines schreibenden Politikers, der noch nicht seine Bühne gefunden hat.“ [2] Er wechselt mit dem Kölner Theaterdirektor nach Leipzig. Heiratet dort. Seine Frau stirbt. Er heiratet wieder. Es ist Biedermeier. Daneben aber schon Reden, kleine politische Anfänge. Gibt die „Sächsischen Vaterlandsblätter“ heraus und „fordert die Beteiligung der Frauen“.Über die Führung der „Deutsch-Katholiken“ bewegt Blum sich nun zur Politik. Was dann kommt, ist klassische deutsche Geschichte, in der Schule zumindest gelernt.

Bis auf einen historischen Mosaikstein aus Leipzig, der berührt. Ist es tatsächlich 1845 dort passiert oder 1989? Robert Blum mahnt die Leipziger anlässlich eines Protestes gegen Prinz Johann aus Dresden: „Verlasst den Boden des Gesetzes nicht! … Blum bittet die Menschen, schweigend zum Marktplatz zu ziehen. In gespenstischer Stille versammelt sich die Menge vor dem Rathaus.“ [2]

Neben seinen immer stärker werden Aktivitäten für ein freies, geeintes Vaterland ist Blum auch Herausgeber eines Theaterlexikons und eines Staatslexikons, „das Politik in verständlicher Form erläutert“. [2] Frankfurter Bankiersgattinnen umschwärmen ihn, der 1848 Rede-Triumphe feiert. Aber Abstimmungsniederlagen hinnehmen muss. Das scheint die Damen nicht zu stören.

Und dann kommt der Moment, in dem es nur noch die Politik gibt. Alte Mächte erstarken, errungene Freiheiten wackeln. Die letzte Hoffnung liegt in Wien. Metternich ist gestürzt – Oktoberrevolution ist. Also auf nach Wien und eine „Entscheidung für ganz Deutschland“ herbeiführen. [2] „Blum weiß: Wenn Wien zurückfällt an die alten Mächte, wenn das kaiserliche Regime die Herrschaft wieder an sich reißt, am Ende gar Metternich heimkehrt aus dem Londoner Exil, dann wird das Parlament in Frankfurt nicht mehr zu halten sein, dann ist Deutschlands demokratische Zukunft verloren.“ [3] Vielleicht lässt sich auch das revolutionäre Glück nicht zwingen. Wien war bereits umzingelt vom „Militärkaisertum“. Ein letztes Aufbäumen Blums – er wird sich untreu, greift zu den Waffen, was er nie wollte. Kämpft und verliert die Revolution, die Freiheit, sein Leben: “Alles, was ich empfinde, rinnt in Thränen dahin“.

Danach gibt es zuerst den Märtyrer-Kult um ihn, doch die alten Mächte kehren vollständig zurück, der Blum-Kult wird unterdrückt. „Zwei Jahrzehnte später dämmert dann ein neues Reich herauf. Es sollte Einigkeit bringen, aber weder Recht noch Freiheit.“ [3] Und als es Zeit für die Freiheit wird, ist Blum nur noch ein Schulthema. Das etwas mit Farbe aufgefrischt wird zu seinem 200. Geburtstag im vergangenen Jahr.

Wer den spannenderen Menschen Robert Blum kennenlernen möchte, kann ihn in der Blum-Biografie von Ralf Zerback finden. Oder pilgert in die Brigittenau, wo der 1923/24 errichtete Robert Blum-Hof steht. Über dem Portal hängt eine Blum-Büste (siehe Foto), vom Wiener Bildhauer aus Ferrara – Mario Petrucci. Ein Blum-Bild das dem „anderen“ Blum viel Raum gibt.

Und was geschah vor dem 9. November 1848?

Blum-Quellen:
[1] Robert Blum-Hof in dasrotewien.at – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie
[2] „Endlich wird es Tag in Deutschland“ von Ralf Zerback, ZEIT ONLINE 44/2007 S. 1002
[3] „Der erste 9. November“ von Ralf Zerback, ZEIT ONLINE 45/2007 S. 94
Drei Schüsse. Das Blut. Die Nacht.“ von Volker Ulrich, ZEIT ONLINE 39/2007 S. 62

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s