Theodor Hoffmann – Das Märchen vom Bahnhof, der alles überlebte

Bild Wien NordbahnhofEs war einmal ein Bahnhof, der wurde 1837 als klassizistisches Gebäude geboren. Weil das im Norden der Stadt Wien geschah, gab man ihm den Namen Nordbahnhof. Er wuchs kräftig und gedieh prächtig, „von 2,5 Hektar auf nicht weniger als 96 Hektar anno 1896“, gespeist durch den „Verkehr aus dem mährisch-schlesischen Kohlenrevier“.

Neuer Kleider mussten für ihn her. Doch die einheimischen Architekten konnten sie nicht schneidern. Deshalb wurde für den Neubau, wie bei vielen anderen Wiener Bahnhöfen, ein ausländischer Architekt bestellt, der sich um das Kind kümmern sollte. Er kam aus Stuttgart, geradeso wie auch der Erbauer des Wiener Rathauses. Wie gut sich das Nordbahnhof-Kind unter der Hand seines Stuttgarter Architekten – Theodor Hoffmann (1824 – 1897) – entwickelte, beschreibt der Baudirektor der Kaiser-Ferdinands-Nord-Bahn damit, das der zweite Nordbahnhofs-Bau (erbaut 1858 – 1865) „mit der weit über das Bedürfnis hinausgehenden reichen Ausstattung des Inneren die Wandlung der Anschauungen über die Bedeutung eines Hauptbahnhofes im Weichbilde einer Stadt zum ersten mal deutlich zum Ausdruck“ gebracht hat. Hoffmann, der die Stuttgarter Polytechnische Schule absolviert hatte, schuf damit sein architektonisches Hauptwerk und gleichzeitig den „größten und architektonisch aufwendigsten Bahnhof, der je in Wien gebaut wurde“ – eine „üppige Mischung aus barockem Schloss und mittelalterlicher Ritterburg“. Das Modell (Foto) im Technischen Museum Wien wurde 1900 auf der Wiener Weltausstellung gezeigt.

Hoffmann wollte mit dem Bau der „Würde einer der größten und rentabelsten Verkehrs-Anstalten des Kontinents entsprechen“. Die Würde einer Kathedrale strahlt die Eingangshalle seines Bahnhofes noch heute auf den Bildern von damals aus. „Um 1900 verließen täglich rund 8500 Passagiere den Bahnhof, pro Tag wurden 40 Personen- und über 50 Frachtzüge abgefertigt.“ Und wieder nahm das Kind gut zu: „Zwischen 1840 und 1900 hat sich das Bahnhofsareal verzigfacht“.

Ob Theodor Hoffmann stolz auf und glücklich über sein Kind war, davon ist nichts bekannt. Er ging nach den Bauarbeiten wieder nach Stuttgart zurück.

Dieses kräftige Bahnhofskind überlebte als „einziger der im 19. Jahrhundert gebauten Großbahnhöfe Wiens das Kriegsende“, wurde aber 1945 stillgelegt, da die Nordbahnbrücke zerstört war. Durch die Teilung Europas verlor das einst so aktive Bahnhofskind an Bedeutung. 1962 und 1965 wurden die Nordbahnhof-Reste abgetragen, obwohl die Abfahrtsseite zur Nordbahnstraße fast vollständig erhalten geblieben war. Noch fühlte sich niemand für diese alten Architektur-Kinder verantwortlich. Erst zaghaft nahm die Idee der Architekturerhaltung Besitz von den Bürgern der Stadt.

Nach einem Provisorium zeigt dieser Bahnhof heute wieder sein Durchhaltevermögen, dem Fußball sei Dank. Im Zuge der Fußball-EM 2008 wurde ein feine, jedoch Standard-Bahnhofs-Kathedrale des 21. Jahrhunderts errichtet. Und wenn der Nordbahnhof nicht stirbt, schützt uns noch lange – diese „erste neue Bahnhofshalle Wiens seit dem 19. Jahrhundert“.

Theodor Hoffmann-Quellen:
Alle Zitate im Text stammen aus „Großer Bahnhof: Wien und die weite Welt“, Katalog des Wien Museums zur gleichnamigen Ausstellung, herausgegeben von Wolfgang Kos, Czernin-Verlag, Wien, 2006

2 Kommentare zu “Theodor Hoffmann – Das Märchen vom Bahnhof, der alles überlebte

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