Eduard Hanslick – Wiener Temperament vor der Bühne

zuspätkommende„Das fremde Feenkind Musik hat so viele irdische Verkleidungen anzuthun und so viele stoffliche Appretur zu erfahren, wenn es mit einer Mehrheit von Menschen verkehren will, das jeden Augenblick eine Störung „von dieser Welt“ es aus seiner Unbefangenheit und uns aus der Illusion herausreißt.“ [1]
Temperament im Zuschauerraum war wohl im Wien von 1853/1854 an der Tagesordnung. Weshalb das Hofoperntheater Gegenmaßnahmen ergriff, die der Musikkritiker Eduard Hanslick (1825 – 1904) in seiner wunderbar ironischen Art als „Ästhetische Polizei“ beschreibt, die die Reinheit des Musikgenusses beschützt.

Hanslick wurde in Prag geboren und musikalisch erzogen. Sein Talent reichte aber nicht um Musiker zu werden und er musste Jura studieren. 1846 kam er nach Wien, studierte hier weiter und schrieb parallel zum Studium Musikkritiken. Danach drei Jahre Arbeit als Jurist in Klagenfurt und dann die Rückkehr nach Wien, Hanslick arbeitetete im Kulturministerium. Er wandte sich immer mehr der Musik-Ästhetik zu. Unter anderem war er musikalischer Juror bei der Weltausstellung in Paris. 1861 wurde er der erste Professor für Musik an der Uni Wien nach der Universitätsreform im 16. Jahrhundert. Polemisch und machtbewusst hatte er es in der Hand Musikschicksale zu beeinflussen. Und so sagt Dr. Clemens Hellberg, Vorstand der „Wiener Philharmoniker“, auf dem Symposium zu Hanslicks 100. Todestag: „Jedenfalls hätte der Kritiker regelrechte Angst verbreitet, was sich darin äußerte, das bestimmte Künstler einfach nicht mehr in Wien konzertierten.“ [2]

Die Hanslick-Beschreibungen des Wiener „Temperaments“ im Zuschauerraum sind jedoch nicht böse, sondern bestes Kabarett:
„Die Intendanz des Hofoperntheaters hat in neuester Zeit die Wiederholung von Musikstücken in der Oper verboten und damit das „da capo,“ diesen ärgsten Feind des dramatischen Zusammenhangs, vernichtet. Wenn Arnold (im Wilhem Tell) den Henkern seines Vaters Rache geschworen hatte und mit Freunden bereits zum Rütli geeilt war, wurde so lange applaudiert, bis er mit dem ruhigsten Gesicht sich wieder hinstellen, die Erzählung nochmals hören, darüber sehr erschrecken und neuerdings Rache schwören mußte.“
Dann gibt es noch „das zweite, ebenso dankenswerthe Verbot der Theaterintendanz, einen Sänger bei offener Scene herauszurufen. Wie oft erlebten wir, das der Held, der eben vor unseren Augen sich erstochen hatte, zurückkehren und unter großem Halloh artige Komplimente machen mußte! Da soll man in der Stimmung bleiben!“
Außerdem wurde der „Zutritt zu den Sperrsitzen während des Aktes verboten. … Raoul flüstert eben in seiner ersten Romanze:„Leise sprach ich“ – du spitzest das Ohr auf den wunderschön instrumentirten Eintritt des A-dur-Akkords, – da antwortet dir das Peletonfeuer von zehn niederklappenden Sperrsitzen.“
Noch eine Menge tragikomischer Erlebnisse, die nun von Ruhe und musikalischen Frieden abgelöst wurden, schildert Hanlsick. Und er schließt damit, das eine Spezies vergessen wurde im „ästhetischen Polizeikodex“ – die Zeitigheimgeher – „welchen das Herz niemals warm, die Suppe aber gleich kalt wird“.

Da ich nicht in die Oper gehe, habe ich beim Foto geschummelt. Kenner bemerken das – es ist aus dem Burgtheater. Das ist schon der erste Test für mein Wiener „Kulturquiz“ nächste Woche.

Hanslick-Quellen:
Universität Salzburg > Lexikon Literatur in der Wiener Moderne > Eduard Hanslick

aeiou Österreich Lexikon > Hanslick, Eduard

[1] „Eduard Hanslick. Sämtliche Schriften. Historisch-kritische Ausgabe“ Band I, 2, Aufsätze und Rezensionen 1849 – 1854, herausgegeben und kommentiert von Dietmar Strauß, Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 1994, Seiten 342 – 344 (Mai 1854)

[2] Foyer „Das Hanslick-Symposium in Wien vom 9. und 10. Oktober 2004“ von Markus Gärtner in „Die Tonkunst online“, Ausgabe 0411, 1.November 2004

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