Brüder Settmacher – Wiener Kavaliere

fingerhut.jpgIn meinem letzten Wiener Porträt habe ich mich am Schluss schon diskret dem Thema „charmante Wiener Männer“ genähert. Heute vertiefe ich diese Betrachtung mit einem Porträt der Beschützer der Damen in aller Welt – der Brüder Settmacher. Die in Wiens 14. Bezirk (Penzing) Fingerhüte herstellten und damit in allen Erdteilen Damen und einige Herren schützten.

Ferdinand I., Josef I., Franz I., Ferdinand II., Josef II. und Franz II. stellten von 1863 an Fingerhüte her. Diese männliche Symmetrie war wohl Garant für symmetrische Produkte. Und was für Produkte: in Nationalfarben oder mit Bordüren aus Herzen/Wellen/Sternen/Maiglöckchen/Lorbeerblättern/Weinlaub oder mit Bildern zum Beispiel von Franzl über Sissi bis zur Karlskirche, mit Petit-point-Stickerei oder mit Salzburger Band. Noch ein Kristallherz drauf oder einen Fingerhut als Werbegeschenk. Aus Aluminium, aus Messing, versilbert oder vergoldet. Kleine, charmante Kunstwerke!

Alles fing damit an, dass Ferdinand I., ein Schlosser aus dem Erzgebirge, nach Penzing kam und dort die „Metallwarenfabrik Ferdinand Settmacher“ gründete. Er stellte Fingerhüte und Schirmteile her. Sein Bruder Josef zog ihm hinterher und dann kam auch noch Franz hinzu. 1891 wandelten sie die Firma um zur „Metallwarenfabrik Brüder Settmacher“. Als Josef Settmacher starb, übernahmen seine Söhne Ferdinand II. und Josef II. die Firma. Ein Brunnen wurde gebaut, Strom selbst erzeugt mit Dieselöl und Dieselmotor, die Produktion erweitert. „Einer der größten Abnehmer war das Zaren-Rußland. Jeden Monat gingen 700.000 Stück Fingerhüte – nur von einer Sorte – nach Rußland ab.“ [1]. Auch an andere Firmen wurden Fingerhüte geliefert; diese Firmen ergänzten ihre eigenen Produkte damit. So sind zum Beispiel Nadelburgfingerhüte quasi „anonyme“ Settmacher-Hüte.
In wirtschaftlich schweren Zeiten kamen zwecks Kundenbindung Reklamefingerhüte in Mode. So wurden 1927 von einem Modell in nur 8 Monaten 2202000 Stück hergestellt.
Nach dem zweiten Weltkrieg bemühte sich Hilda Settmacher, die Tochter von Josef II , um die Firma. Sie trifft 1946 Franz Groiss, einen Ledergalanteristen. Die Handtasche, die er für seine Meiserprüfung gemacht hat, würde ich gern haben! Es kommt, wie es kommen muss – keine Handtaschen und Geldbörsen mehr vom Franz, denn er wird zu Franz II. Und wie es immer so ist, die „Hinzugekommen“ sind die Echtesten & Engagiertesten, was sein wunderschönes Buch über die Firma (siehe Quellen) zeigt.

Fingerhüte bewundern? Bilder über Bilder.

Settmacher-Quellen:

[1] „Fingerhutfabrik in Wien, gegründet 1863 / Thimble Factory in Vienna, founded 1863“ hrsg. von Franz Groiss (Franz II.), Übersetzung von O. Adelhofer u. E. Jahn, Eigenverlag, Wien 1990

Bezirksmuseum Penzing (Foto der Settmacher-Fingerhüte aus dem Museum)

14 Kommentare zu “Brüder Settmacher – Wiener Kavaliere

  1. Grüß Gott und guten Tag,
    wo kann ich denn noch heute SETTMACHER- Fingerhüte kaufen.
    Gibt es diese noch im Handel.
    Vielen Dank für eine Antwort.
    Peter Bädorf

    • Sehr geehrter Herr Bädorf, ich weiß, es ist 5 Jahre her, seit Sie diese Anfrage gemacht haben, aber ich verfüge erst jetzt über einige Settmacher Fingerhüte aus einem Nachlaß. Falls Sie noch interesse haben, dann bitte ich Sie um Kontaktaufnahme.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Hannes Partsch

  2. Grüß Gott Herr Bädorf,

    als ich den Artikel schrieb, gab es die Firma noch, aber sie hat nicht mehr produziert. Auf eBay werden diese Fingerhüte gehandelt, wie echt sie sind, ist vermutlich nicht immer klar.

    Beste Grüße
    Annette Hexelschneider

  3. In den letzten Wochen wurden die Fabriksgebäude abgerissen, auch das zugehörige Wohnhaus an der Linzer Str. wird sich vermutlich bald in dieses Schicksal teilen. Auf dem weitläufigen Gelände, das bis vor kurzem einem verwunschenen Garten glich, soll eine Wohnsiedlung entstehen. Die Produktionsanlagen sind angeblich nach Regensburg gegangen, doch wurde containerweise Material weggeworfen.

  4. Hallo Herr Mihli,

    danke für die Information. Das ist ja traurig. Ich war lange nicht mehr dort. So endet eine Geschichte.

  5. Grüss Gott! Es tut mir leid zu hören, dass die Fabriksgebäude und vielleicht auch Wohnhaus nicht mehr existiert. Während 90er Jahre und Anfang 2000 haben wir 10 Male insgesamt das Haus besucht und mit Familie Groiss schöne Stunden verbracht. Wir sind Fingerhutsammler und können ganz gut verstehen, wie grosse Schade dies ist. Eigenartige Fabrik und sehr historisches Haus mit tausenden Fingerhüten ist jetzt vorbei. Herr Franz und Frau Hilda können das nicht mehr sehen, Gott sei Dank! Sehr traurig aber so ist es im Leben. Irja und Martti Helsilä, Finnland

  6. Hallo Irja und Martti Helsilä,
    Danke für Ihre Nachricht. Spannend zu hören, dass Sie hier waren und alles noch kennengelernt haben. So traurig das Ende der Geschichte ist, freue ich mich dass sie hier ein wenig weiterlebt!!

    Grüße aus Wien
    Annette Hexelschneider

  7. Sg Fr. Hexelschneider!
    Durch Zufall hat meine Frau in einer alten „Burda-Moden“-
    Zeitschrift einen Artikel über die Fingerhutfabrik d. Brüder
    Settmacher gelesen. Da erwähnt wird, dass Hr. Franz Groiss
    ein Buch über die Firmengeschichte verfasst hat, welches wir gerne für eine leidenschaftliche Fingerhutsammlerin kaufen würden, bitte ich Sie, mir bekannt zu geben, ob dies überhaupt noch möglich ist bzw. über welchen Verlag.
    Ein herzliches Danke für Ihre Bemühungenund herzliche Grüsse Adolf Noderer

  8. Sehr geehrte Frau Hexelschneider!
    Da ich vor vielen Jahren selbst Fingerhüte der Firma Settmacher für Sammler verarbeitet habe und in großen Mengen vor allem nach GB verkauft habe, besitze ich noch eine ziemliche Menge Fingerhüte in verschiedensten Ausführungen. Falls Ihnen bekannt ist, ob noch jemand Interesse an Originalstücken hat, würde ich mich über eine Nachricht freuen. Ich besitze auch das Buch von Franz Groiss über die Firma Settmacher.
    Freundliche Grüße Elisabeth Prinz

  9. Sehr geehrte Frau Hexelschneider,
    Sehr geehrte Frau Prinz,

    ich würde mich für das Buch interessieren, gibt es dieses noch zu erwerben?
    Ich bin selber in das neue Wohnhaus kürzlich eingezogen und wollte wissen was hier früher war. Im Bezirksmuseum Penzing bin ich heute erfreulicherweise fündig geworden und bin auf diesen Artikel gestoßen. Um das Andenken wertzuschätzen, möchte ich gerne mehr über die Geschichte erfahren und ggf. einen Fingerhut und das Buch als Andenken erwerben.

    Freundliche Grüße,
    Kathrin Schmidinger

    • Sehr geehrte Frau Schmidinger,

      Das Buch ist noch in meinem Besitz und Sie können es gerne haben. Vor vielen Jahren habe ich mit einem kleinen Kunstgewerbebetrieb auch Fingerhüte der Fa. Settmacher verarbeitet und es gibt noch einen ziemlichen Restbestand an davon – fertig verarbeitet und Rohlinge. Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen gern einige Fotos davon senden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Elisabeth Prinz

    • Sehr geehrte Frau Schmidinger,
      Das Buch ist noch in meinem Besitz und Sie können es gerne haben. Vor vielen Jahren habe ich mit einem kleinen Kunstgewerbebetrieb auch Fingerhüte der Fa. Settmacher verarbeitet und es gibt noch einen ziemlichen Restbestand davon – fertig verarbeitet und Rohlinge. Wenn Sie Interesse haben, kann ich Ihnen gern einige Fotos davon senden.

      Mit freundlichen Grüßen
      Elisabeth Prinz

  10. Dear Mrs Schmidinger
    I have just purchased several groups of antique thimbles at an auction in England. Amongst these were 5 glass topped brass thimbles from the Settmacher factory. Although there is no maker’s mark, I know they are Settmacher because there is a ‚Certificate of Authenticity‘ with them which was issued by the Thimble Guild (a Scottish company) in January 1997. Do you have any information about this please? Also, do you have any other information about Settmacher in general which is not on this site? I can find very little in my reference books and elsewhere online.
    Thank you in anticipation of your reply.
    Yours sincerely
    Kelvin Hopkins

    • No, Kelvin Hopkins, I am sorry I can’t help you. And both – the firm and the place – do no longer exist.

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