Friedrich Freiherr von Schmidt – Ein Württemberger lässt Wiener Steine reden

schmidt.jpgEinige Architektur-Absolventen von Stuttgarter Hochschulen und Universitäten haben in Wien bedeutende Bauwerke geschaffen. Als Teilzeit-Stuttgarterin und Teilzeit-Wienerin freut mich das. Ich werde in loser Folge darüber schreiben. Heute – der Baumeister des Wiener Rathauses.

Mitte des 19. Jahrhunderts stieg die Wiener Bevölkerung sprunghaft an von über 50.000 Menschen auf über 430.000 Menschen. Das alte Rathaus bot nicht mehr genug Platz für die Stadtverwaltungsarbeiten. Was folgte waren hauptstädtische Diskussionsjahre, so wie auch schon zum Thema Bedürfnisbefriedigung. Dreiundzwanzig Standorte für einen Rathaus-Neubau wurden ins Auge gefasst und zehn Jahre lang durchdiskutiert. Dann war es soweit – eine Ausschreibung für den Neubau wurde verabschiedet. 65 in- und ausländische Architekten reichten anonym ihre Entwürfe ein. Juroren waren unter anderem die berühmten Architekten Ferstel und Semper. Das Projekt XIV mit dem Titel „Saxa loguntur“ (die Steine reden) gewann den ersten Preis. In einer Zeremonie wurde das versiegelte Kuvert mit dem Architektennamen geöffnet und der Gewinner war: Friedrich Schmidt (1825 – 1891), ein deutscher Wahl-Wiener. Auf den Plätzen zwei bis fünf folgten Pariser und Berliner Architekten, erst Platz sechs ging an echte Einheimische. 1873 wurde der Grundstein gelegt, zehn Jahre später war ein Grundfläche von 19.592 Quadratmetern bebaut und der Schlussstein konnte gelegt werden. Noch einmal zehn Jahre später wurde aus dem Wahl-Wiener ein Wiener Ehrenbürger. 1886 wird er in den Freiherrenstand erhoben.
Bescheiden tritt heute der Meister hinter seinem Werk zurück – 1896 wurde das Denkmal für Schmidt hinter dem Rathaus enthüllt, siehe Foto.

Der Weg dahin führte den gebürtigen Württemberger von einem Studium in Stuttgart, über die Arbeit als Steinmetz und später Werkmeister am Kölner Dom, „Wanderjahre“ in Italien, die Berufung in die Baukommission zur Restaurierung des Stephansdoms, eine Professur an der Akademie der bildenden Künste in Wien (mittelalterliche Kunst, Architekturklasse) bis zum Bau von zwei Kirchen und einer Schule in Wien mit einem eigenen Architekturbüro.

Sein Rathaus-Sieg war vor allem der gelungenen Lösung des Problems der Raumfunktion zu verdanken; nie hörten jedoch die Diskussionen um den gotischen Stil auf.[1] So von Otto Wagner: „Weil im Mittelalter jedes Rathaus selbstverständlich gotisch war, muss das 1880 gebaute, das ganz andere Aufgaben hat, gotisch lügen!“[2]
Ja, es ist ein Zuckerbäcker-Schloss, aber was für eines!! Besonders schön, wenn nächtens erleuchtet: ob klassisch, ob modern und schräg wie zum Life Ball, als gigantischer Adventskalender zum Weihnachtsmarkt oder bonbonfarben zum Wiener Eistraum – man kann gar nicht anders als den Anblick hingerissen amüsiert zu bestaunen.
Und Festräume wohin man sich auch wendet! „Auf dem Weg in die Festräume wird der Besucher völlig davon abgehalten, einen Blick in die Amts- oder Arbeitsräume zu werfen.“[1] Ob der Üppigkeit und Vielfalt dieser Festräume kann es leicht passieren, das man, unterwegs zu Vollversammlung des Vereins für Geschichte der Stadt Wien, begeistert einem roten Teppich folgend, plötzlich im Nachbarsaal steht, in dem der Österreichische Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky an diesem Abend gefeiert wird. Wien feiert gern und viel und im Rathaus. Ob einmal im Jahr die Wiener Weine und WinzerInnen oder das Leben als solches in Bällen oder österreichische Bücher mit einer Buchwoche – das Rathaus ist im Leben verankert und der deutsche Baumeister hat mit seinem Bau der hiesigen Mentalität ein Haus geschaffen.

Die Anpassung Schmidts geht sogar soweit, das durch einen Wiener Baurechtsauflagen-Umgehungstrick die Stockwerke erst nach Erdgeschoss, Hochparterre, Halbstock beginnen. Da fühlt sich das Warten auf den Fahrstuhl länger an als bei normalen Stockwerken. Meine Anpassung ist leider noch nicht so weit fortgeschritten, das ich das aushalte und ich bin nur froh, das es nicht noch 1. und 2. und 3. Keller gibt und ich noch länger auf den Aufzug warten muss.

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Schmidt-Quellen:
[1] „Das Wiener Rathaus“ von A. Hauer, Stadt Wien, Presse- und Informationsdienst (MA 53), Wien, 1992

[2] „Eine Naissance der Architektur. Otto Wagners Häuser an der Wienzeile.“ von Dr. Iris Meder in „Die Münze“, Münze Österreich, Wien, 18. Jahrgang, 5. Ausgabe, Nov./Dez. 2007

„Friedrich von Schmidt (1825 – 1891). Ein gotischer Rationalist.“ Ausstellungskatalog von Peter Haiko, Renata Kassal-Mikul, Historisches Museum der Stadt Wien, Wien, 1991

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