Clemens Freiherr von Pirquet – allo & ergon aus Wien

Clemens Freiherr von PirquetIm kommenden Sommer feiert der Begriff Allergie seinen 102. Geburtstag. Vielleicht tummeln sich an diesem Tag die Pollen mal nicht so stark, weil das ein trauriger Tag für sie ist. Denn jemand hat ihre „Neben“wirkungen erahnt. Ein Wiener natürlich – wer sonst. In Wien natürlich – wo sonst. Clemens von Pirquet (1874 – 1929), ein Kinderarzt, begründete mit einem Kollegen die Lehre von den Allergien. Den Begriff erfand Pirquet. Er addierte die griechischen Worte anders & Tat. Wobei es da verschiedene Deutungen gibt. So auch: anders & Funktion, verändert & Aktion. Namensdeutungen hin oder her, eine allergische Reaktion ist eine allergische Reaktion. Wen sie trifft, dem gibt sie keine Kraft mehr zum Deuten. Den quält diese über & Reaktion seines Immunsystems auf eigentlich „harmlose“ Stoffe wie Pollen & Co.

Pirquet arbeitete als Kinderarzt im Wiener St.-Anna-Kinderspital; bei der Behandlung von an Diphterie erkrankten Kindern verwunderten ihn die Nebenwirkungen der Impfungen. So waren seine Untersuchen und die Allergie-Definition zu Beginn erst auf die so genannte Serumkrankheit bezogen. Den Namen Allergie veröffentlichte er zum ersten Mal in gedruckter Form in der „Münchner Medizinischen Wochenschrift“ vom 24. Juli 1906.
Pirquet war allerdings schon damals klar, das nicht nur diese Impfreaktionen allergische Reaktionen waren, sondern das es noch ein viel breiteres Spektrum an Allergien geben würde. Und so konnte die Berliner Charité den 100. Geburtstag des Wortes Allergie mit einer reichhaltigen Ausstellung begehen, die von der ersten bekannten Symptomen einer Katzenhaarallergie um 1570 bis zu düsteren Prognosen für die allergische Zukunft des Menschen in den Industrieländern reichte. [2]

Pirquet, so wie Landsteiner, war ein „typisches“ Wiener Medizin-Genie: in seinem sehr kurzen Leben von nur 54 Jahren leistete er sehr viel. Zum Beispiel die Entwicklung der Tuberkulinprobe, um frühzeitige Fürsorgemaßnahmen für Erkrankte zu starten. Verbesserte Beetz die Hygiene-Verhältnisse in Wien auf seine Art, so half Pirquet beim Kampf gegen die „“Wiener Krankheit“, wie die Tuberkulose um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert europaweit genannt wurde“. [3]
Nach „Wanderjahren“ von Baltimore bis Breslau kehrt er als Vorstand an das St.-Anna-Kinderspital zurück, entwickelte die Heilpädagogik weiter und kümmerte sich um Schwesternfürsorge. Führte ein Krankenpflegepraktikum für Ärzte ein, damit sie Pflege, Schwestern und Pfleger besser verstehen. Richtete einen Dachgarten auf dem Krankenhaus als Freiluftstation ein, schuf ein Kinderernährungssystem, kämpfte gegen Kinderelend, für Kinderfürsorge und schulärztliche Dienste. [1][4]
Er war auch ein sehr kunstinteressierter Mensch. Am Tag vor seinem Tod war er auf einer Feier zu Ehren von Kindern, deren Zeichnungen bei einem weltweiten Wettbewerb ausgezeichnet wurden: „Es hatten weit mehr Mädchen als Knaben Preise erhalten. Wie lächelte alles, als er von den wenigen preisgekrönten Knaben sagte, sie hätten die Ehre des männlichen Geschlechts gerettet! Dann sprach er von kommenden Zeiten, wo die Frau vielleicht noch mehr bedeuten würde.“ (Jugendrotkreuz-Zeitschrift, Mai 1929) [1]

Liebe & Konsequenz. Er hatte angespornt durch seine Liebe zu den Kindern im Krankenhaus und den hilfebedürftigen Wiener Kindern die Konsequenz für ein erstaunliches Innovationstempo. Und hatte auch Liebe & Konsequenz in seiner Ehe, die mit dem gemeinsamen Selbstmord endete.

Foto: Büste im Arkadenhof der Universität Wien, weitere Wien-Orte siehe [4]

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Pirquet-Quellen:
[1] „Clemens Freiherr von Pirquet“ von Gabriele Dorffner, Gerald Weippl. Vier-Viertel-Verlag. Strasshof-Wien 2004

[2] Charité zeigt Geschichte der Allergien

[3] Erfolgreicher Kampf gegen den bleichen Tod

[4] Er bohrt mir alle Kinder an

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