Wilhelmine (Minna) Kautsky – „Energien erwachten“

Minna Kautsky Wohnung in WienMinna Kautsky (1837 – 1912) wird in Graz geboren und zieht kurz darauf mit ihren Eltern nach Prag. Sie erhält nur ein Jahr Schuldbildung. Aber Hilfe vom Vater und ein guter Bücherschrank ermöglichen ihr eine Art Selbststudium. Zur Lektüre zählen auch Theaterstücke die ihre Leidenschaft für das Theater wecken. Minna wird Schauspielerin. Hochzeit mit 16, Engagements in Böhmen, Mähren, Deutschland – zwischendrin bekommt sie mehrere Kinder. Das erste Kind ist der „spätere führender Theoretiker des Marxismus“ Karl Kautsky. So ein anstrengendes Leben lässt sich nicht durchhalten, sie bricht zusammen, bekommt eine schwere Lungenkrankheit. Muss ein paar Jahre später das Schauspielen im Alter von nur 24 Jahren beenden. 1863 zieht sie mit Mann und Kindern nach Wien. Ihr Mann hat hier Arbeit am Hofburgtheater bekommen, als Dekorationsmaler.

In der Zeit Ihrer Krankheit setzt sie ihr Selbststudium fort, u.a. mit der Lektüre von Darwin. Sie kann endlich lernen – mit ihren Kindern. Zwar bleiben für immer Folgen der Krankheit zurück, aber der Enthusiasmus Karls überträgt sich auf Minna und sie fühlt sich „wieder jung, innerlich gekräftigt und willensstark“.[1] „Und ich sah an meiner Seite den Jüngling, der an nichts dachte, als wie er die Lehren des Meisters [Marx] in ihrer Tiefe, in ihren großen Zusammenhängen erfassen, wie er sich selbst und andere zu Kämpfern heranbilde für eine gerechte Sache. Sollte er auf die Mutter keinen Einfluß geübt haben? Eine herrliche Zeit begann, Energien erwachten, das Leben gewann an Schönheit und Bedeutung. […] Ich fing zu schreiben an, ich hatte etwas zu sagen.“[2] Vermutlich hätte Freud so seine Meinung dazu. Mich ärgern sie aber – diese Theorien vom Ehrgeiz der Mutter, den sie überträgt auf den Sohn zur Befriedigung ihrer (Rest)Männerkomplexe. Meine Deutungen, die ich dagegen setze, sind zwar nicht wissenschaftlich, aber auch möglich: Henne oder Ei, was war zuerst da? Zuerst hat sie ja Karl erzogen: „Sie flößte mir schon früh lebhaften Enthusiasmus für hohe Ideale ein“.[1] Im Laufe einer Familiengeschichte ändern sich die Zeiten und bringen neue gesellschaftliche, kulturelle, technische Entwicklungen mit sich und damit Chancen, auch für Eltern. Warum sollen Mütter sich nicht mit ihren Kindern weiterbilden und Freud ohne Freud dabei haben! Natürlich, als sie anfängt zu schreiben, dürften der Sohn und Bekanntschaften u.a. mit Engels, Liebknecht, Mehring, Luxemburg ihr geholfen haben, in Arbeiterzeitungen veröffentlicht zu werden und in Lesezimmern von Arbeiterbildungsvereinen in die Regale zu kommen. Solche Beziehungen existierten und existieren aber auch jenseits von Mutter-Sohn-Beziehungen.

Über ihre Werke sagt Adelheid Popp, eine Funktionärin der österreichischen Arbeiterinnenbewegung: „Gewiss hat es grössere Schriftstellerinen gegeben als sie: ob aber eine andere einen besseren Weg zum Herzen vor allem der Frauen gefunden hat, kann wohl bezweifelt werden“.[1] Zum Beispiel mit dem Roman „Helene“: „Aus der nervösen, eitlen jungen Frau [Helene] wird eine zuverlässige Sozialdemokratin, der zudem die Lorbeeren der Liebe winken. Ihren Lebensweg begleiten Männer, richtige und falsche.“ [2]
Viktor Adler, Herausgeber der Wochenschrift „Gleichheit“, an Karl Kautsky (23.9.1886): „Apropos, hat Ihre verehrte Mutter nicht einen für das Erscheinen in Fortsetzung geeigneten Roman od. noch besser eine Novelle bereit? Mir ist eine Übersetzung eines Romans von dem Schweden Stindberg angetragen, der der Partei sehr nahe steht; ich möchte aber nicht gerne gerade mit einer Übersetzung beginnen“.[3]
Emma Adler an Hermann Bahr (ca. Anfang März 1889): „Ich bin Ihnen wohl sehr dankbar für Ihren guten Willen die alte Kautsky umbringen zu wollen — doch fürchte ich, Sie thun’s doch nicht, und wenn diese Gans auch aus der Welt geschafft wäre – so leben ihre geistigen Bastarde doch weiter!“ [3]

Minna Kautsky veröffentlichte Erzählungen, Novellen, Frauenromane, Essays, Artikel, Rezensionen, Romane, Theaterstücke. Was bleibt? Nur der Stempel „rote Marlitt“? Doch vielleicht auch ein Beispiel wie energetisierende Ideale und Visionen einhergehend mit gesellschaftlichen Veränderungen zu gesunden und zu bilden vermögen – quasi beflügeln.

Foto: Schönburgstraße 14, eine Wohnung in ihrer Wiener Zeit (1863 – 1904)

Kautsky-Quellen:
ARIADNE-Projekt „Frauen in Bewegung. Diskurse und Dokumente der österreichischen historischen Frauenbewegung 1848 – 1918“ > Minna Kautsky

[1] „Minna Kautsky. Beiträge zum literarischen Werk“ Herausgegeben von Stefan Riesenfellner und Ingrid Spörk. Verlag für Gesellschaftskritik. Wien 1996

[2] „Fliegen und Zittern. Hysterie in Texten von Theodor Fontane, Hedwig Dohm, Gabriele Reuter und Minna Kautsky.“ von Lilo Weber. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 1996

[3] „Zwischen Minna Kautsky und Hermann Bahr – literarische Intelligenz und österreichische Arbeiterbewegung vor Hainfeld (1889)“ von Werner Michler. In: „Literarisches Leben in Österreich 1848 – 1890“ Herausgegeben von Klaus Amann. Böhlau, Wien 2000

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