Aglaia von Enderes – Eine Lerche, die singt, noch keinen Sommer bringt?

Federzeichnungen aus der Thierwelt„Einige Zoll unter der grünen Grashülle der Erde hat ihn die Mutter gebettet; die braune Scholle ist seine Decke, feine Wurzelchen hängen ringsher, seine künftige Nahrung. Tiefe Stille und Ruhe umgibt ihn; die Sonne legt ihre heißen Strahlen über den Boden, warmer feuchter Odem quillt durch die Erde. Vier bis sechs Wochen vergehen, da rührt und regt sichs in dem Ei und die kleine, unbehülfliche Larve kriecht daraus hervor.“ (Maikäfers Leben und Sterben [1])

„Ein Egoist mit unfreundlich apartem Wesen, schwerfälliger Erscheinung und hoher Selbstgenügsamkeit, lebt er einsiedlerisch und selbstsüchtig wie ein alter Hagestolz und hütet seinen eigen Leib.“ (Der Dachs [1])

Als Hermann Löns (1866 – 1914) anfing über den Hasen Mümmelmann und andere Tiere zu schreiben, hatte Aglaia von Enderes (1834 – 1883) schon längst ein Werk mit Natur- und Tierschilderungen vorgelegt. Traurig stimmt es einen für diese Wienerin und ihre Leistung, Lobgesänge auf Löns zu lesen, die ihn als Schöpfer einer neuen Literaturart preisen, die Natur nicht nur als Hintergrund benutzt sondern als Hauptakteur handeln lässt. Von Enderes veröffentlichte bereits 1874 die oben und unten zitierten „Federzeichnungen aus der Thierwelt“: die keinen Anspruch machen „auf Gelehrsamkeit, wol aber auf streng wissenschaftliche Richtigkeit, und Ergebnis eigener Wahrnehmung und sorgfältigem Studiums“ sind.

Wenn auch ihre Werke nur noch antiquarisch zu haben sind, wird ihrer noch gedacht. Ein ausführlicher Eintrag im ARIADNE-Projekt „Frauen in Bewegung“, der Teilnachlass in der Wienbibliothek und ein Verehrer in Klosterneuburg sorg(t)en dafür. Adolf Hauke aus Klosterneuburg hat bereits als Kind ihre Erzählungen gelesen und geliebt. Als Erwachsener versuchte er so viel wie möglich Informationen über sie zu zusammenzutragen und zu veröffentlichen, sowie einige ihrer Erzählungen neu herauszubringen. Und er stritt für ein würdiges Grab und würdige Erinnerung an sie, die in Klosterneuburg begraben ist.

Aglaia von Enderes ist mehr als „nur“ Tiergeschichten-Autorin. Die in Währing geborene von Enderes war auch zehn Jahre Sekretärin des Wiener Frauenerwerbvereins und organisierte u.a. die Ausstellung österreichischer Frauen-Arbeiten in der Weltausstellung 1873 in Wien. Wenn man den Catalog der Ausstellung liest, kann man erahnen welch‘ immense Arbeit zusammen mit weiteren Organsiatorinnen zu leisten war, um diesen breiten Querschnitt von Frauenarbeiten aus Volks- und Bürgerschulen, Städtischen Töchterschulen, Lehrerinnen-Bildungsanstalten, Waisenhäusern, Klosterschulen, Vereins-Schulen, Handelsschulen, der Telegraphen-Schule, Privat-Schulen, Weiblichen Strafanstalten in ganz Österreich zu ermöglichen. Von Strohhüten aus Tirol über Ausarbeitungen nach dem System der doppelten Buchhaltung und Depeschen-Streifen bis hin zum letzten Exponat, der Nummer 1551 einer Stickerei aus der Bukowina. In ihrem Vorwort zum Catalog sagt sie, dass die Ausstellung „ein klares Bild der Culturbestrebungen der Jetztzeit“ geben soll.

Nachrufe auf sie listen zudem Aufsätze zur weiblichen Erwerbsbefähigung, 500 Feuilletons und Artikel in amerikanischen, deutschen und österreichischen Zeitungen auf. Eine Leistung die um so höher zu bewerten ist, als sie für Frauen nicht vorgesehen war. Wie eine Quittung der Neuen Freien Presse Wien vom 4. September 1882 aus dem Nachlass zeigt. Sechs Gulden Honorar für den Monat August. Im Vordruck des Abrechnungsformulars wird der Empfänger mit „Hochgeehrter Herr!“ angesprochen. Aglaia bestätigt den Empfang des Honorars mit ihrer Unterschrift – Frau A. von Enderes in Wien – und streicht in der Unterschriften-Zeile den vorgedruckten Herrn durch.

„Der Specht ist ein ehrenwerter Charakter, berufstüchtig und treu, ernst, wo es noththut, freudvoll, wo es angeht, nicht locker und flüchtig, nicht zähe und pedantisch; er hat die holdeste Lebensweisheit weg: harte Arbeit ruhig und muthvoll überwinden und trotz Mühe und Plage so viel Glück erübrigen, um es laut hinaus zu jauchzen in die weite, weite Welt.“ (Der Specht [1])

8. Bezirk, eine Wiener Adresse von ihr war die Florianigasse in der Josefstadt.

Enderes-Quellen:
[1] Federzeichnungen aus der Tierwelt von Aglaia Enderes. – Budapest (etc.) : Franklin-Verein (etc.), 1874 VIII
Foto des Exemplars im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

ARIADNE-Projekt „Frauen in Bewegung. Diskurse und Dokumente der österreichischen historischen Frauenbewegung 1848 – 1918“ > Aglaia von Enderes

Catalog für die Ausstellung österreichischer Frauen-Arbeiten. – Wien, 1873

Dienst am Worte in Vergangenheit und Gegenwart. Eine Schriftenreihe f. Haus u. Welt (1982: Streifzüge durch das Weltschrifttum). Hrsg. v. Adolf Hauke. – (3400 Klosterneuburg. Babenbergergasse 29: Adolf Hauke 1973-82.)

Bankhofer, Hademar: Aglaja von Enderes : die erste Tierautorin der Welt. – In: Heimatkunde – Kulturpflege – Stadtgeschichte : Beilage zum Amtsblatt der Stadt Klosterneuburg (1978) 96, S. 1 – 2. Danke für die Hilfe an Herrn Magister Eistert, Leiter Öffentlichkeitsarbeit & Bürgerservice in Klosterneuburg

Nachlass WienBibliothek

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