Wilhelm Beetz – Wiener Bedürfnisse befriedigen

Landsteiner.jpgDieser Traum: Man muss plötzlich dringend auf die Toilette. Suchen, rennen, fragen – es hilft nichts. Es findet sich keine Toilette. Je nach Persönlichkeit nimmt dieser Traum einen unterschiedlich verhängnisvollen Lauf. Wenn nun ein Mann auftreten würde bzw. eine Frau, eingehüllt in einen sehr weiten Mantel, der einen Holzeimer bedeckt. Der Eimer als Sitz – der Mantel als Sichtschutz. Würden Sie sich trauen Ihr Problem für zwei Kreuzer zu bewältigen?

Diese Buttenmänner und Buttenweiber gab es wirklich im Wien des beginnenden 19. Jahrhunderts, sie waren schon ein hygienischer Fortschritt. Denn die Verhältnisse in Wien waren schlimm: „centnerschwere Luft“, „schädliche Ausdämpfungen“, „wie im Nebel“, eine höhere Sterblichkeitsrate als Paris und London. Es beginnt ein sehr langer Weg zu Verbesserungen: von Buttenmännern/weibern und Nothwinkeln über „Straßen-Retiraden“ bis zu ersten Pissoirs und Aborten. Aber alles wird immer begleitet vom zähen Ringen der Gegner mit den Befürwortern. 1880 tritt auf diese Bühne eine starke und innovative Persönlichkeit – Wilhelm Beetz (1844 – 1921). Geboren in der Nähe von Berlin lernt er dort die ersten Bedürfnisanstalten aus Holz kennen und bietet dem Wiener Magistrat kühn den Bau und Betrieb solcher Anstalten an. Der Magistrat lehnte ab. Beetz besaß zum Glück die Kraft, die es brauchte um die Wiener hygienischen Verhältnisse zu verbessern. Er gibt nicht auf und erhält 1883 die Bewilligung zum Aufstellen von Bedürfnisanstalten in Wien. Vermutlich nur deshalb, weil er der Stadt einen für sie sehr günstigen Vertrag anbietet. Wenn man liest, wie er im Spannungsfeld von für ihn wirtschaftlich schwierigen Verträgen und dem Ringen mit Gegnern im Magistrat und Gegnern in der Bevölkerung durchhielt und außerdem immer bessere Toiletten-Anlagen und technische Erfindungen schuf, wie das „Urinol“ (Öl statt Wasser zur Desinfektion und gegen die Geruchsbelästigung in den Pissoirs), macht das Mut Ideen & Überzeugungen nicht zu voreilig aufzugeben.

Noch heute sehens- und benutzenswert ist die unterirdische Bedürfnisanstalt am Graben (Foto). Auch ein Beispiel des Beetz’schen Durchhaltevermögens. Denn ein erster Anlauf so etwas am Stephansplatz zu bauen, scheitert an der Nähe zum Stephansdom.

Lektüre zur Bedürfnisbefriedigung in Wien ist nicht nur „alternative“ Stadtgeschichte, sondern macht auch aufmerksam für den gesellschaftlichen Umgang mit den menschlichen Ausscheidungen im Laufe der Geschichte. Veränderungen, Zwänge, Tabus die sich auch auf unsere Träume auswirken. Und für diese Art „Träume“ ist Wien ohnehin der ideale Ort.

Beetz-Quellen:
Beetz-Details stammen aus dem Buch „Unentbehrliche Requisiten der Großstadt. Eine Kulturgeschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten von Wien.“ von Peter Payer. Löcker Verlag Wien, 2006. Eine Schnittmenge der Forschungsthemen (Stadtgeschichte / Sinnesgeschichte / Umweltgeschichte / Alltagsgeschichte) von Peter Payer.

Firma Wilhelm Beetz Gesellschaft m.b.H. (3. Bezirk)

Mehr Beetz Fotos: „Wilhelm Beetz und die öffentlichen Toiletten Wiens“, Teil 1 und Teil 2

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