Klaviermetropole Wien – Ein migrantisches Klavier erzählt

Ich bin ostdeutsch und alt. „Oh, wie arm!“, denken Sie jetzt vielleicht. Zugegeben, reich bin ich nicht, aber fit für mein Alter, denn ich werde geliebt.

In Ost-Berlin, vor 20 Jahren, hätte ich mir nicht träumen lassen, das ich einmal in Wien leben werde. In Wien – dem Musikparadies mit so vielen berühmten Komponisten, mit so vielen Klavierbauern (300 Betriebe in der Mitte des 19. Jahrhunderts) – Eduard Hanslick sprach 1850 scherzhaft von der Wiener „Klavierseuche“ – und mit einer Klavierspielerin, die sogar einen Nobelpreis bekommen hat, wenn auch nur für Literatur.

Ich lebe im 7. Bezirk. Fast um die Ecke im 8. Bezirk gründete Ignaz Bösendorfer seine Werkstatt und um die andere Ecke, im 6. Bezirk, wirkten Klaviermacher wie Anton Walter oder Ignatz Kober. Auch ich stamme aus gutem Hause, aus der Familie Grotrian-Steinweg zu Braunschweig. Meine Klavier-Brüder und –Schwestern lebten in 30 Kaiser-, Königs- und Fürstenhäusern. Clara Schumann war einer unserer größten Fans: „Von nun an diesen Flügel und keinen anderen…“. Ah, ich vergaß zu sagen – ich bin ein Konzertflügel! Oder besser – ich war ein Konzertflügel, fast am Ende und dann gerettet.

Alles begann mit meiner Geburt Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Gekauft von der DDR-Regierung in Westdeutschland, so erzählt es die Sage. Wie Kinder aus gutem Hause, denen es später nicht so gut erging, glaube ich fest an einen romantischeren Hintergrund. Vielleicht war ich eine Liebesgabe eines DDR-Funktionärs an die Klubhausleiterin seines Herzens? Fest steht, dass ich im „Saalbau Friedrichshain“ gestanden habe. Ein Ort mit Geschichte: 4.000 Zuhörer bei August Bebel (1890), Musik in Form einer proletarischen Version der 9. Sinfonie (1905) und Boxen (1932/33). Zu meiner Zeit auch ein fröhlicher Ort mit Jugendtanz und Musik. Gern erinnere ich mich daran wie eine kleine dynamische Ostfrau – Angelika Mann – auf mir klimpernd entdeckt wurde.

Wenn ich heute, wie kürzlich auf einem Fest für mich, die insistierende Frage der Gäste höre, was wohl auf mir gespielt wurde, als Antwort schon fest im Hinterkopf, „na sicher Partei-Lieder“, tut mir das weh. Haben sie nichts gespürt als Leo Kondeyne auf mir gespielt hat? Hat sein Gefühl, seine Energie, haben seine fein eingeflochtenen Spuren deutscher Rockmusik nicht an ihrer mechanistischen Weltsicht rütteln können? Zumindest die ostdeutschen Gäste haben mehr gefühlt, das habe ich gesehen und meine hiesigen Freunde natürlich auch.

Aber noch einmal zurück nach Berlin. Die Mauer fiel, der Saalbau auch, heute wohnen dort Pensionisten. Ich fand mich plötzlich in einem besetzten Haus in Berlin im Prenzlauer Berg wieder. Kalt war es dort, mir ging es nicht gut. Doch wie schon gesagt, die Liebe überwindet vieles. In diesem Fall die Liebe von Rio Mäuerle, einem westdeutschen Künstler und Cembalobauer, zu mir. Er hat mich gefunden, mich im Alter von 40 Jahren mit Leos Hilfe gerettet. Zusammen mit seinen Freunden schenkte er mir ein zweites Leben. Zuerst einmal gingen wir auf eine wilde Reise von Berlin in den Keller eines leerstehenden Schlosses in der Nähe von Graz und danach in eine Mühle im Waldviertel. Es folgten noch viele Kunst- und Rettungsaktionen für mich und mein zweiter Frühling brach an! Liebe habe ich auch vom Klavierbaumeister Bernhard Balas bekommen. Liebe beflügelt.

20 wilde Jahre. Rio erträumt sich für mich eine lebendige Zukunft, Aktionen, Zeiten, wo mich jede/r bespielen kann und mehr.

Wie sagt (aber) der Pianist Alfred Brendel?

„Im Zeichen der Eintracht
spielen wir heute
mit einem Finger
den einzigen Ton
der uns eint
einmal“ (5)

Klavier-Quellen:

„Das Fest um den volkseigenen Flügel“ am 22.10.2009 im Tonstudio Amann in Wien mit Berichten zum Klavier und zum Leben von Rio Mäuerle Leo Kondeyne.

Webseite „Projekt Flügel

(1) Musikinstrumentensammlung im Technischen Museum Wien

(2) Webseite GROTRIAN Pianos

(3) Webseite Friedrichshainer Chronik > Schwof und Saalschlacht

(4) Webseite Deutsche Mugge > Angelika Mann

(5) „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ von Alfred Brendel, Carl Hanser Verlag München Wien 2003

Phantasie

Wien – Lebenswerteste Stadt der Welt 2009 – Ein Beweis

Mein Versuch, auf der Pecha Kucha Night am 8. Oktober 2009 im Rahmen der Vienna Design Week, zu „beweisen“: Wien ist zu Recht lebenswerteste Stadt der Welt 2009 geworden.

Wiener Porträt Galerie – Pecha Kucha Night Vienna – Vienna Design Week

5 Jahre in Wien und 2,5 Jahre Wiener Porträt Galerie, das ist ein Fest wert. Ein Fest in Wien und für Wien. So nehme ich all meinen Mut zusammen und gehe auf ein großes Fest: die Pecha Kucha Night im Rahmen der Vienna Design Week. Dort möchte ich mit meiner Wiener Graffiti-Sammlung „beweisen“, das Wien zu Recht 2009 lebenswerteste Stadt der Welt geworden ist. Vielleicht sehen wir uns ja?

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Franz Josefs Land (Teil 2) – Zu Gast in der nahen Ferne

Das Franz Josefs Land an der Alten Donau hat eine kalte Vergangenheit (Eis-Gewinnung), ist ein exotischer Ort (Erinnerung an die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition) und eine schöne Gegend für Ausflüge zu jeder Jahreszeit. Mit kühlem Bier oder heißem Punsch in einem der Restaurants am Ufer der Alten Donau. Heute wie in der Vergangenheit. Einen Blick in die Vergangenheit ermöglicht Erich Heisler mit seiner Bild-Spende (großes Format). Vielen Dank!

Das Wittgenstein Haus – Die Arbeit an sich selbst

In Wien erzählen viele Häuser die faszinierende Geschichte einer Stadt, die einst „Welten“ erzeugte und „Welten“ verband. Das Wittgenstein Haus im 3. Wiener Bezirk erzählt die Geschichte der Kinder des „österreichischen Krupps“ – Karl Wittgenstein – und der Welten dieser Kinder.

Karl Wittgenstein (1847 – 1913) wurde in Leipzig geboren, so wie Hanns Eisler. Er stammt auch aus einer jüdischen Familie, die einige Jahre nach seiner Geburt nach Österreich zog. Nach einer turbulenten Jugend (Weglaufen nach Amerika) kehrt er nach Wien zurück, studierte, wurde Ingenieur und begann eine wirtschaftlich ungeheuer erfolgreiche Karriere in der Eisen- und Stahl-Industrie. Er fördert großzügig Musiker, Maler, Bildhauer und Innen-/Architekten. Seinen neun Kindern ist er ein Vater ohne Liebe dafür mit viel Autorität und besonders bei den Jungen mit Demütigungen, die bei ihnen tiefe lebenslange Spuren hinterlassen. Drei seiner Söhne begehen (vermutlich) Selbstmord.
Über das Klima im Haus der Familie in der Alleegasse (heute Argentinierstraße) hat Johannes Brahms einmal gesagt „Hier geht es zu wie bei Hofe“. „Was er damit meinte glaubte Paul“, einer der Söhne, „zu erraten. Es ging nicht um das Personal, um die bis zu sechsundzwanzig Privatlehrer und –lehrerinnen, die Köchinnen, die livrierten Hausdiener und Kammerdiener, die Stubenmädchen und Gouvernanten. Brahms hatte bestimmt die geschliffenen Manieren gemeint, so perfekt geschliffen, dass sich jeder an denen des anderen schneiden musste. Brillant wurde seines Vaters Geschäftssinn und Witz genannt. Mit Brillianten lässt sich Glas ritzen.“ (Singer, 2008) Den Rest des Beitrags lesen »

Alexander Joseph Kolowrat-Krakowsky – Hollywood in Wien

Hollywood in Wien? Mit Hans Moser oder mit Paula Wessely? Eher nein, aber auf jeden Fall mit Michael Kertesz (Michael Curtiz), dem Regisseur von „Casablanca“ und mit Marlene Dietrich! Der Wiener Filmpionier Kolowrat-Krakowsky begründete den österreichischen Film und schuf in Wien-Sievering ein kleines österreichisches Hollywood.

Seine Leidenschaft für den Film entsprang seiner Leidenschaft für neue technische Entwicklungen. Graf Kolowrat-Krakowsky wurde 1886 in den USA geboren und wuchs auf einem böhmischen Gut auf. Er liebte alle Fahrzeuge vom Motorrad bis zum Flugzeug. Als 14. Österreicher machte er 1910 einen Flugschein. Und dann kam der Film, den er in Paris kennenlernte. Sofort begann er, Filme selbst herzustellen. Zuerst Naturfilme, entwickelt in der Waschküche seines Gutes. Später übersiedelte er in den 20. Wiener Bezirk. So kommt es, das die Wiege des österreichischen Films in der Pappenheimgasse in der Brigittenau steht. Dort wurden kleine Lustspiele gedreht und vervielfältigt, hier befand sich bis 1933/34 ein Kopierwerk. „Die Gewinnung des Eisens im steirischen Erzberg“, „Der Gardasee“, „Die Dame auf dem Riesenrad“ und der „Der Millionenonkel“ wurden hier u.a. hergestellt. Die „Sascha-Filmfabrik“ entstand. Den Rest des Beitrags lesen »

Josef Hlávka – Kein Opernball

Kein Opernball hört sich nach Prophezeiung für ein schwieriges 2010 an. Allerdings fürchte ich, Opernball ist immer und wird immer sein. Denkt man an die Wiener Oper, denkt man zuerst an diesen Ball. Danach vielleicht noch daran, wer hier schon alles gesungen, dirigiert oder regiert hat. Es gibt aber auch außerhalb des Ballgeschehens und außerhalb der Bühne interessante – schöne & tragische – Geschichten und eine solche möchte ich heute erzählen.

Es war einmal ein noch sehr junger Mann. Er war fleißig und intelligent. Er war noch nicht einmal 30 Jahre alt als er eine Hofoper bauen darf. Eine glückliche Geschichte? Hören Sie selbst. Den Rest des Beitrags lesen »