Johann Schmid, „Schmid Hansl“ – Wienerlied von 20.00 bis 4.00 Uhr

schmidhansl1.jpgDie Geschichte von „Hansl Schmid, dem letzten Herrn des Wienerliedes“ zeigt, das man sich die Frage, ob man von seiner Kreativität oder mit seiner Kreativität leben soll, auch flexibel und erfolgreich abseits von Superstar-Wettbewerben beantworten kann.

1897 wird Johann Schmid in Ottakring geboren. Zusammen mit Freunden übernehmen seine Eltern das Restaurant im Türkenschanzpark. Johann wächst auf mit den Konzerten der Militärmusiker, Deutschmeister, Dragoner, 84er. 1908 schenken ihm seine Eltern ein Klavier, er wird ein Opernfan: von der Walküre bis zur Toten Stadt. Obwohl sehr musikalisch begabt, besucht Johann die Handelsschule. Er wird Kaufmann und arbeitet in einer Feigenkaffee-Fabrik, später als Verkaufsdirektor von Dolus-Schuhcreme. Mit dem Besitzer, einem „stimmlich verhinderten“ Gesangliebhaber, der sich mit Opern- und Operetten-Besuchen tröstet, lernt Schmid viele Stars kennen wie Jan Kiepura oder Richard Tauber bei seinem ersten Auftritt. Schmid konnte singen und sang – die Wienerlieder; beim Heurigen, wenn alle mit den Musikern mitsangen. Und dann kommt er, der historische Moment bei einem Ausflug im Liebhartstal. Wo er aus Respekt vor dem „Haussänger“ Matauschek nicht mitsingt, von diesem aber auf’s Podium gebeten wird und mit Matauschek tapfer zweistimmig den Ottakringer Marsch singt. „Das war die Geburtsstunde des Wiener-Lied-Sängers Hansl Schmid.“ Der mehr und öffentlicher singt, aber trotzdem weiterarbeitet – als Verkaufsleiter der Käserei Drechsler.

schmidhansl2.jpgAm 31.12.1952 eröffnet Schmid das Alt Wiener Konzert-Café Schmid Hansl in Währing. Es soll ein Nachtlokal für das Wienerlied und die Kontaktpflege für seine Freunde und Bekannten und Gäste werden – die Musiker, Schauspieler, Maler, Sänger und die Wienerlied-Liebhanber. Keine große Einnahmequelle. Der Vorbesitzer hat ihn gewarnt: „Ich sage Ihnen ganz ehrlich, die paar Gäste, die kommen, sitzen bei einem kleinen Schwarzen, sieben Glasln Wasser und lernen alle Zeitungen auswendig.“ Zur Eröffnung hat Schmid sein gesamtes Geld, bis auf 10 Schilling, investiert. Das Lokal wird angenommen! Hier waren schon Tennessee Williams, Julia Migenes, genauso wie Hans Moser, Paul Hörbiger, Fritz Muliar und Bruno Kreisky zu Gast.

Als erster Österreicher zu Lebzeiten bekommt Johann Schmid ein Denkmal errichtet, auf Initiative von Helmut Zilk für seine Verdienste um die Wienerlied-Traditionspflege – im Türkenschanzpark (siehe Foto oben).
1987 stirbt Schmid in Wien.

schmidhansl3.jpgDas Schmid Hansl wird heute von seinem Sohn geführt und ist eine erste Adresse für: “Wienerisches, Original, Originell, Lyrik, Harmonika, Schmäh, Altbekanntes, Neues, Knöpferlharmonika, Wiener Tanz, Kontragitarre“. Abwechslungsreich – traditionell und modern wie die Wiener Oper – nur wesentlich preiswerter, gemütlicher. Und noch ein Vorteil: hier wird man vom Hausherrn als einfache Besucherin mit einem perfekt angedeuteten Handkuss und dezenter Verbeugung begrüßt.

Fotos aus dem Schmid Hansl: oben ein kleiner Ausschnitt aus den Erinnerungen an den Café-Wänden mit Schmid Hansl-Gemälde, darunter Prof. Marika Sobotka am 8. März 2007 bei „Vom Wienerlied bis zum Evergreen“.

Mehr Wienerlied? Kurze Geschichte, Film (Abends in Wien beim Heurigen, um 1936) und umfangreiches Info-Portal

Schmid Hansl-Quellen:
„Hansl Schmid, dem letzten Herrn des Wienerliedes“ von Harry Glöckner, Tusch, Wien 1983

Website des Cafés (mit Audiodatei von „Mein Herz das ist ein Bilderbuch vom alten Wien“ und umfangreichem Veranstaltungsangebot) und ein Hinweis des Sohnes

Veröffentlicht in 18. Währing, Musik. 6 Comments »

6 Antworten to “Johann Schmid, „Schmid Hansl“ – Wienerlied von 20.00 bis 4.00 Uhr”

  1. böttcher malte Says:

    Ich war 1985 in Wien.
    Beim Schmid Hansl hat es mir sehr gefallen.
    Macht weiter so.

    Berlin den 3.7.2009

  2. Michael Pronay Says:

    “Als erster Österreicher zu Lebzeiten bekommt Johann Schmid ein Denkmal errichtet, auf Initiative von Helmut Zilk für seine Verdienste um die Wienerlied-Traditionspflege – im Türkenschanzpark (siehe Foto oben).”

    Pardon, aber das halte ich für eine Ente. Eva Berger (“Historische Gärten Österreichs: Wien”, S. 411) gibt als Errichtungsjahr 1989 an (auf Google Books nachzulesen hier: http://trimr.de/ZkA ). Auch der Text am Denkmal (“Er *war* der letzte Herr des Wiener Liedes) spricht eher für eine Errichtung nach Schmid Hansls Tod.

    • Annette Hexelschneider Says:

      Danke für die Hinweise, die sehr einleuchtend klingen. Ich war mir sicher, dies gelesen zu haben, finde aber nichts mehr dazu in meinen Unterlagen.

    • D. Redl Says:

      Das ist keine Ente, aber Frau Berger irrt. ;-)
      Das Denkmal wurde noch zu Lebzeiten im Beisein von Hansl Schmid im September 1987 errichtet und enthüllt. Die damalige Büste (Original im Schmid Hansl) wurde entfernt und durch die vom Bildhauer Friedl (siehe Bild oben) ersetzt. Das passierte nach dem Tod vom Schmid Hansl. Im Zuge dessen wurde auch die Gravur entsprechend verändert.
      Liebe Grüße aus Wien!

  3. Toni Says:

    Der Hansl Schmid, der war schon einer! Da hat man sie alle gesehn :)
    Da hätte auch gut die Charlotte Ludwig hingepasst. Naja, ich glaub ich schau mir morgen das Denkmal mal an!
    Schönen Samstag noch!


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