Fotopause

Ich mache eine Fotopause und konzentriere mich mehr auf meine Fotoleidenschaft: street photography. Dabei  versuche ich, ‘Dialoge’ und ‘urbane Philosphien’ in großen Städten sichtbar zu machen, z.B. in Wien, London. Diese Bilder sind hier zu finden.

Mit neuen Texten kehre ich 2012 zur Wiener Porträt Galerie zurück und auch mit Informationen zu meinen beiden Fotoausstellungen in Wien im Frühjahr 2012.

Bild: Lohner & Freud aus meiner Serie Männer in Wien

Wien: Es waren einmal 264 japanische Netsuke…

…die lebten in Wien an recht zentraler Stelle – am Schottentor – in einem großen Palais. Sie lebten hier von 1899-1938. Das Datum zeigt es, diese Geschichte nimmt kein happy end. Am 21. Mai 1938 müssen die Besitzer der Netsuke Wien verlassen – ohne ihre Kunstgegenstände.
Ein ganz kleines gutes Ende findet die Geschichte – die Netsuke werden gerettet.

Mein letztes Porträt hier habe ich begonnen mit: „Für vieles wird Wien geschätzt – zu Recht.“ Der Erbe der Netsuke und Autor des in diesem Porträt vorgestellten ungewöhnlichen Wien-Buches hat eine kritischere und traurigere Sicht auf Wien. Damit ist das Kapitel über Wien im Buch „The Hare With Amber Eyes – A Hidden Inheritance“ keine leichte Lektüre. Und doch ist es ein Kapitel Wiens.

Ich hatte mir dieses Buch gekauft, weil ich schon immer für die Netsuke geschwärmt habe. Diese „kleinen geschnitzte Figuren aus Japan … dienten zur Befestigung des Inrō, einer flachen, kleinen, mehrteiligen Lackholzdose am taschenlosen Kimono mithilfe eines Obi. Netsuke bestehen aus vielfältigen Materialien, wie beispielsweise Buchsbaum, Ebenholz, Bambus, Horn, Elfenbein oder Nüssen.“ (wikipedia)
Sie zeigen Menschen, Tiere, Gegenstände – Szenen des täglichen Lebens. Wunderbare Kunst die aus intensiver Konzentration entsteht. Einen kleinen Überblick gibt die virtuelle Sammlung des Autors.
Erst beim Blättern vor dem Lesen stieß ich auf Wien und das Palais Ephrussi – eine der Heimaten der 264 Netsuke.

Das Palais Ephrussi ist ein Gebäude an dem wohl jeder Wiener mehrfach im Monat vorbeikommt, weil es an einem innerstädtischen Verkehrknoten liegt. Dabei selten ein wahrgenommenes Gebäude, weil Verkehr und eigenen Ziele alle Aufmerksamkeit gefangen nehmen. Ein Gebäude als Symbol für viele Aspekte Wiener Geschichte. Gebaut 1872/73 vom berühmten Wiener „Ringstrassen-Architekt“ des 19. Jahrhunderts, Theophil von Hansen, für den aus Odessa stammenden Bankier Ignaz von Ephrussi. Ignaz ist einer der zwei Söhne der Ephrussi-Familie, die 1857 von Odessa aus in die Welt gesandt werden. Sein Bruder Leon geht nach Paris. Dessen Sohn Charles beginnt in Paris Netsuke zu sammeln. Charles Ephrussi lässt sich leicht charakterisieren: er ist das Vorbild für Swann in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Die Netsuke, die Charles damals im Salon in Paris berühmten Größen der Pariser Kunstszene zeigte, reisen als Hochzeitsgeschenk für den jüngsten Sohn von Ignaz –Viktor – im März 1899 nach Wien: geliebt und genutzt mehr von den vier Kindern der Familie als von ihren Eltern. Im Buch entfaltet sich ausführlich die Familiengeschichte innerhalb einer Wiener Zeitgeschichte, die immer feindlicher für jüdische Menschen wird. So kommt der Tag an dem Viktor und seine Frau das Palais verlassen müssen. Ihre Kinder sind bereits in Sicherheit. Viktors Frau wird dies nicht mehr gelingen.

Das ganz kleine gute Ende der Geschichte ereignet sich im Dezember 1945 als die älteste Tochter von Viktor – die Großmutter des Autors – nach Wien kommt und dort völlig überraschend vom Dienstmädchen Anna die von ihr geretteten Netsuke erhält:
„…With Anna sleeping on them , the netsuke are looked after with more respect than anyone has ever shown them. She has survived the hunger and the looting, and the fires and the Russian invasion.
… ‘A netsuke must be devised so as not to be a nuisance to the user’ says a guide.
… Each one of these netsuke for Anna is resistance to the sapping of memory. Each one carried out is resistance against the news, a story recalled, a future held on to. …” (de Waal, 2011)

Abbildung: Palais Ephrussi, Ausschnitt eines Fotos von Erich Schmid auf Wikimedia Commons

Mehr über Edmund de Waal, Pläne des Palais und das Palais heute…

Edmund De Waal
The Hare With Amber Eyes – A Hidden Inheritance
Paperback, 368 pages
Vintage (27 Jan 2011)
ISBN-10: 0099539551
ISBN-13: 978-0099539551

Von Leopold Auenbrugger zu Joseph Skoda – ein Wiener medizinischer Reigen

Für vieles wird Wien geschätzt – zu Recht :-) Das Wien auch ein Ort bahnbrechender Medizingeschichte ist, wird vermutlich nicht so oft erwähnt. Deshalb habe ich hier Johann Gottfried Bremser, Lorenz Böhler, Karl Landsteiner, Jaromir Mundy und Clemens Freiherr von Pirquet vorgestellt. Und widme mich heute Leopold Auenbrugger (1722 – 1809) dem Entwickler und Joseph Skoda (1805 – 1881) dem „Vollender“ der Perkussion.

Auenbrugger entwickelte 1761 die Perkussion in Wien, das Abklopfen der Brustkorbes zu diagnostischen Zwecken. Ein Glück für Patienten, aber keines für den Arzt. „Die Bedeutung seiner revolutionären Diagnosetechnik wurde zuerst im Ausland erkannt, bevor sie erst mehrere Jahrzehnte später auch hierzulande zu einer etablierten Methode werden durfte.“ (Regal, Nanut, 2003)

Auenbruggers Vater in Graz war Gastwirt und so wird erzählt, dass Auenbrugger den Füllstand der Weinfässer durch Klopfen einschätzen konnte. Als Arzt am Spanischen Spital in Wien studierte er sieben Jahre lang die Patienten und versuchte „durch Beklopfen des Brustkorbes krankhafte Veränderungen zu erkennen“. Wir wären nicht in Wien, wenn damit die Versuche endeten. Auenbrugger überprüfte seine Erkenntnisse auch an Leichen: „Er spritzte in die Brusthöhle der Leichen Flüssigkeit und bestimmte die mit dem Flüssigkeitsspiegel wechselnden Schallqualitäten, ehe er mit seiner neuen Methode an die Öffentlichkeit trat.“ Er verfasste ein kleines Buch, das bis heute unverändert gültige Prinzipien des Brustkorb-Abklopfens enthält: „Inventum novum. Neue Erfindung, mittels des Anschlagens an den Brustkorb, als eines Zeichens, verborgene Brustkrankheiten zu entdecken“. Tragischerweise griffen die hiesigen Medizingrößen damals diese Erkenntnis nicht auf. Erst ein Jahr vor dem Tod des Arztes erfuhr er Annerkennung vom Leibarzt Napoleons, Jean Nicolas Corvisart. Dessen Übersetzung und Ergänzung des „Inventum novum“ ins Französische „machten Paris in der Folge zum Zentrum der physikalischen Krankenuntersuchung“. Medizinische Erfindungen, wie die des Stethoskops trugen dazu bei. (Regal, Nanut, 2003) Den Rest des Beitrags lesen »

St. Johann Nepomuk am Fasanengarten – 3 Wiener Welten

Meine „Vermessung“ der Wiener Welten führt mich auch in für mich unbekannte Welten: heute Wiener Kirchen- und Miltärgeschichte. Die Kirche St. Johann Nepomuk (1910) am Fasanengarten bündelt diese beiden Welten mit der Wiener Architektur um 1900. Sie ist eine besuchenswerte Sehenswürdigkeit Wiens.

Die Geschichte von St. Nepomuk geht zurück auf das Schicksal von alten Soldaten und Kriegsinvaliden in Wien. Ihre Versorgung war in früheren Jahrhunderten nicht geregelt und so waren sie auf Wohltäter angewiesen. Abraham a Sancta Clara, der berühmte katholische Geistliche, der 1709 in Wien starb, beschreibt die Situation so: „Es hinkt mancher auf der Gassen, auf einer Krucken, hat alle Tag Quatember, Fasten schaut ihm aus den Augen, die Kleider sind voller Fenster; ist bei vielen Treffen gewesen, nun hat ihn das Unglück getroffen, dass er mit seinem Restschein muss betteln gehen; die vielen Blessuren am ganzen Leib übertrifft aber die Blessur am Beutel.“ (S. 114)
Die Reformen Kaiser Josefs II. waren der erste Ansatz zu Linderung. Er gründete die k.k. medizinisch-chirurgische Militärakademie, die Militärärzte ausbildete. Damit war schon einmal die gesundheitliche Versorgung der Soldaten verbessert. Auch auf eine Initiative von ihm geht die Erweiterung und Verlegung des alten k. u. k. Invalidenhauses von der Landstraße in den Fasangarten zurück. Gute Luft außerhalb der Stadt und Platz waren das Ziel. So wurde das Gelände gewählt, auf dem heute die Kirche steht. Den Rest des Beitrags lesen »

Lorenz Böhler – Danke Herr „Knochen-Böhler“

Ich war in guter Gesellschaft im Unfallkrankenhaus Wien Lorenz Böhler: Josef Haslinger, Dirk Stermann, Gert Voss… Wenn schon ein Unfall, dann sich dort helfen lassen, wo auch diese verehrten Wiener bzw. Zugereisten geheilt wurden. Zudem in meinem Heimatbezirk Brigittenau. Also machte ich mich auf zu testen, was Lorenz Böhler (1885 -1973) den Wienern geschaffen hat – ein fortschrittliches Unfallkrankenhaus. Auch wenn den gleichen Gedanken an diesem Samstag im März 2010 jede Menge Wiener und Zugereiste gefasst hatten, mein Problem wurde erkannt und innerhalb sechs Wochen geheilt. Deshalb ist das letzte Porträt 2010 dem Wiener Pionier der Knochenbruchbehandlung gewidmet. Den Rest des Beitrags lesen »

Mihály Biró – Der kompromissloseste Wiener: ein Ungar

Wie lange steht man zu seinen persönlichen Werten und Idealen, wann gibt man auf und geht Kompromisse ein? Wann tauscht man seine Ideale gegen Nahrung ein?
Überspitzte Fragen? Ein Kompromiss muss ja nicht gleich das Aufgeben von Idealen bedeuten?

In Wien kann man noch bis zum 9. 11. 2011 einem kompromisslosen zugereisten Wiener begegnen – dem Ungarn Mihály Biró, dessen Haltung, dessen Leben und dessen Arbeiten Respekt erzeugen und nachdenken machen, wie man es denn selbst mit den Idealen hält. Ihm ist eine kleine Ausstellung im MAK-Kunstblättersaal gewidmet.

Biró (1886 – 1948) war zwar kein geborener Wiener, hat aber hier von 1919 – 1928 und 1932 – 1934 gelebt, gearbeitet und sich in der Stadt engagiert. Kompromisslos. Nur dafür gearbeitet, was ihm wichtig und vertretbar war. Für andere Themen oder Inhalte arbeiten wollte er nicht.

Biró war Grafiker, sein Markenzeichen der starke rote Mann (im Bild oben) – Vorbild ein Ringer in seinem Bekanntenkreis. Für die ungarische Sozialdemokratie kreiert Biró dieses Sujet und nutzt es ab 1910. Kraftvolle Plakate für Gerechtigkeit und Fortschritt entstehen. Mit der Machtergreifung der Horthy-Diktatur muss er fliehen und kommt nach Wien. Die Verbrechen unter der Diktatur prangert er hier mit 20 Farblithografien in einer Mappe (Horthy-Mappe, 1920) an. Mit Leib und Seele Ungar kann Mihály Biró diese Verbrechen nicht ertragen. Obwohl er sich damit – zusätzlich zu seinem bisherigen politischen Engagement – jeden Weg zurück nach Ungarn verbaut. Ungarn ist quasi sein Herz und es trifft ihn hart, dort nicht mehr hinzukönnen. Kompromisse deswegen? Nein. Den Rest des Beitrags lesen »

Piefke – Kulturgeschichte einer Beschimpfung

Porträt & Rezension

Sechs Jahre lebe ich in Wien. Glücklich, weil Wien der perfekte Platz für mich ist.
Fast glücklich, denn da ist noch der Umstand, dass ich nicht nur Annette Hexelschneider bin, sondern auch ein Piefke.

Was ist ein Piefke? Einerseits ein preußischer Militärmusiker und Komponist und andererseits eine österreichische „Bezeichnung“ für Deutsche. Zwar ist letzteres bekannt und ersteres vielleicht auch ein wenig, aber was steckt genau dahinter?

Dem Autor Hubertus Godeysen ist es zu verdanken, das der Leser bei der Lektüre des von ihm verfassten Piefke-Buches die Geschichte des Musikers und die Geschichte der „Bezeichnung“ mit ihren unglaublich vielen Facetten kennenlernt. Den Rest des Beitrags lesen »

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.